Braun, Hanns:
Georg Brittings Hamletroman [ Band 3/1 der Gesamtaugabe]
Der Kunstwart – Jahrgang 45 –1932
Unter den vielen Stellen, die den Deutern von Shakespeares Hamlet Kopfzerbrechen gemacht haben, befindet sich eine, die lautet: he is fat and scant of breath. Hamlets eigene Mutter ist es. die das von ihrem Sohn behauptet, der soeben seinen tödlichen Zweikampf mit Laertes ficht: feist sei er und kurzatmig.
Kein Darsteller hat je den Dänenprinzen embonpointieren mögen; die Stelle hing in der Luft; vielleicht war sie ein Druckfehler; fast für fat gab einen schon gefügigeren Sinn. Aber nun hat just aus dieser Stelle Georg Britting einen ganzen Roman entwickelt: Lebenslauf eines dicken Mannes, der Hamlet hieß (Verlag Langen-Müller, München).
Mit diesem Roman geht es einem wunderlich. Man hat die gleiche Basis, was die Vergangenheit betrifft, aus der sich die Tragödie bei Shakespeare entfaltet; trotzdem wird vor unseren Augen etwas ganz anderes daraus als eine Paraphrase des Hamletdramas. Vielmehr entsteht aus der gemeinsamen Zelle bei Britting etwas Neues, und zwar nicht mit Betonung, sondern von selber. Hamlet ist dick, er lebt gern, d.h. er ißt und trinkt mit ungeheuerer Ausdauer und einer beneidungswürdigen Genußkraft; nebstbei war er verheiratet, doch Ophelia, seine Frau, ertränkte sich; ihrer beider Sohn aber lebt, ein junger Hamlet, der einst genau so werden wird wie sein Vater. Hamlet zieht in die Schlacht; zweifellos ist er kein Krieger, aber er kämpft wacker, als es drauf ankommt, und das Schicksal ist ihm günstig. Den bösen Stiefvater bringt er auf seine Weise um: er ißt ihn unter den Tisch. Hamlet selbst stirbt nicht an einem vergifteten Degen, sondern als ein Genießender, der weise zur rechten Zeit abgedankt hat, seine letzten Jahre unter Mönchen lebend.
Das besondere Lustgefühl, das uns dieser Lebenslauf schafft – woher stammt es? Ist es nur die Freude am „Anderen“, die Art Schadenfreude, die uns auch die Persiflage eingibt? Ich meine, es ist mehr. Nämlich: Freude an der Freiheit als dem Gegenteil der Prädestination. Der Fabulierer, der Britting ist, macht uns unabsichtlich den Schöpfer evident: der da ein Wesen setzt, die Wege aber freigibt. Das Hamletschicksal – es mußte nicht so laufen wie es bei Shakespeare lief, es konnte auch anders, und blieb dennoch wesentlich. Solchergestalt ist das Glück, das wir aus Brittings Roman gewinnen: es erlöst uns aus der Fatalität. Es gibt dem Leben, das eines ist im Grunde, doch tausendfältig im Ausdruck, seine Phantastik zurück.
Daß Brittings Buch soviel vermag, hängt unmittelbar zusammen mit seiner Form. Es ist ein Roman und ist doch keiner. Nichts steht darin, was nur um des Verlaufs einer Romanhandlung und irgendwelcher Zusammenhänge willsen dastehen müßte. Sondern es gehorcht in einem selten wahrzunehmenden Maße den Gesetzen der reinen Poesie; die Welt-Aufnahmen, die es gibt, die Visionen des Menschlichen und der Natur, sind (worüber man aber beileibe nichts Poetelndes verstehen darf) Gedichte in Prosa, von einem Schicksalsband lose zusam–mengeflochten. Jedes Kapitel steht beinah für sich, aber erstaunlicherweise, dank ihrer besonderen Schau-und Sprachkraft, zieht es den Leser, je weiter er liest, desto unwiderstehlicher vom einen zum andern.
Es gibt viele gutgeschriebene Bücher. Ungemein rar aber ist ein Buch mit einem neuen, nur ihm zugehörigen Ton. Auch von hier aus gesehen ist Britting Hamletroman einzigartig. Er lebt in einem Sprach-Element von merkwürdigster Eindringlichkeit; sein Dichter hat sich einen Stil gewonnen, und zwar aus der Ungenügsamkeit: laut ist er auf der Suche nach der äußersten Präzision, der minutiösesten Wahrheit, er bückt sich sehr nahe über die Dinge, die er beschreibt, und ist wie einer, der ständig an neuen Einblicken die eben gewonnenen korrigieren muß, von der Freude des Findens wie von der Mühe und Lust des Kündens gleicherweise übermannt Jene Ungenügsamkeit ist es, die der Brittingschen Erzählung rein von der Sprache her ein dramatisches Wesen verleiht; es mag heute schwerlich eine spannendere Prosa geschrieben werden, als die rythmisch bewegte Brittings ist. Und man darf es als ein Wunder der Begabung preisen, daß sie auf der Suche nach dem Treffenden dennoch nie kleinlich oder absonderlich wirkt.
Im Gegenteil: Brittings Hamletroman, der sachlich wie sprachlich mit einem Gestrüpp beginnt, buchstäblich mit einem Sonnenblumen-Urwald beginnt, der den nach leichter Unterhaltung gierigen Leser ohne Zweifel abschrecken wird, weiter vorzudringen – dieses nämliche Buch zieht den, der diese erste Märchenschranke überwand, von Seite zu Seite mehr in seinen Bann, und unter der Einwirkung dieser seltenen, echten, von einem wirklichen Dichter beglaubigten Sprache wächst die Faszination. Keiner, der nicht wunderbar benommen und verzaubert dieses Buch aus der Hand legt, bedauernd, daß es zu Ende.