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Zum Gedicht
FRÜH IM JAHR
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Aus
Georg Jung
»Aufzeichnungen«
Eine Auswahl
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67
"Über Gedichte Georg Brittings"
Zum 70. Geburtstag des Dichters am 17. Februar
1961
Erst spät hat sich die lyrische Dichtung
den Zeiten des Jahres zugewandt, die zwischen den eigentlichen Jahreszeiten
sind, in denen die alte verklingt und die neue sich scheu und mit noch
zarter Gewalt verkündet; Zeiten, die gleichwohl ihre geprägte
Eigenart haben, wenn sie auch nur dem feineren, für Abstufungen empfindlichen
Sinn bemerkbar und bewußt werden. Es spricht für Goethes Naturnähe,
daß er, der „in der streichenden Februarluft schon den Frühling
ahndet" (Brief an Gustchen, 1775), das erste
vollkommene Vorfrühlingsgedicht unserer
Sprache schreibt, jenes herrliche, zu wenig gekannte „Ein zärtlich
jugendlicher Kummer", worin das noch winterliche öde Grau von der
zarten Verheißung des künftigen Frühlings durchdrungen
wird.
Unter den Lyrikern der Gegenwart ist Georg Britting,
der nunmehr Siebzigjährige, der große Dichter der Jahreszeiten.
Kein deutscher Lyriker ist so reich an Gedichten, die alle Zeiten des Jahres
in allen ihren Abstufungen, Abwandlungen und Beziehungen zueinander immer
wieder in Klang und Bild körniger Dichtersprache bannen. Die ungewöhnliche
Nähe zum Elementarischen, die diesen Lyriker unserer Tage mit Mörike,
seinem Lieblingsdichter, verbindet, befähigt ihn vor allem, die leisen
Übergänge, die Zwischenstufen, die der älteren Dichtung
noch unzugänglich waren, aufzufassen und mit der ihm eigenen Meisterschaft
der Sprache in lyrische Gebilde zu verwandeln. Das Wesen des Gegenstandes
erscheint darin in dichter, gleichsam atmender Unmittelbarkeit ausgedrückt.
Von seinen Frühlingsgedichten ist „Früh
im Jahr" das eigenartigste und vielleicht stärkste. Wie so manches
seiner Gedichte fast prosaisch nüchtern beginnend, mit einer wie gesprächsweise
geäußerten Feststellung, die gleichwohl Wesentliches trifft,
erhebt es sich unversehens zu reinster Poesie. In der kargen nordischen,
noch winterlich farblosen Landschaft mit kahlem schwarzem Geäst, schmächtigem
Licht, mit Felsen und Moor, ist es einzig der Duft, in dem sich erregend
ein Neues, Nicht-mehr-Winterliches verkündet: er aber regt die wie
in Zeiten ursprünglicher Dichtung kräftige Naturphantasie des
Dichters an, und so eigentümlich Brittingsch sie ist, steht sie doch
im Einklang mit den Vorstellungen uralten volkstümlichen Denkens,
das in sprachlichen Bildern wie „Wetterküche" oder „es braut sich
ein Wetter zusammen" weiterlebt. Im Schoß der Erde kocht Mutter Natur
die würzigen Säfte des Frühlings und Sommers. Da läuft
ihr ein Topf über, und nun trägt der Wind, ein neuer erregender,
die schweigende Erde zum Lauschen zwingender Wind, durch die noch winterlich
gebundene Natur den Duft, den wohlbekannten süßen, der uns aus
Mörikes holdem Frühlingslied vertraut ist. So ist der Wind die
eigentliche Mitte des Gedichtes: ihm ist darum eine eigene Strophe gewidmet,
und ihm gilt auch die Anrede, die in ihrer unnachahmlichen Mischung von
mythischer Anschauung, Humor und Innigkeit dem Gedicht den seelenhaften
Ton verleiht, der es über bloße Beschreibung weit hinaus hebt.
Wer sich aber von diesem Ton hat bewegen lassen,
wird zu dem Gedicht immer wieder zurückkehren, sich nunmehr an Einzelheiten
erfreuend: wie etwa die beiden kurzen Zeilen vom gähnenden Sumpfloch
im Moor in unübertrefflicher Knappheit und Anschaulichkeit das Erwachen
der winterlichen Natur malen, oder wie das derbe, hier freilich einzig
angemessene Mundartswort „flennen" durch das ihm folgende „duftende Tränen"
geadelt wird.
Und so werden auch zuerst verborgen gebliebene
Schönheiten der Form offenbar: zumal die Meisterschaft des Reims,
den wenige so behutsam, fast keusch handhaben wie dieser Lyriker: wenn
z. B. das „flennst du" nur verdeckt und darum beim ersten Hören kaum
merklich gereimt wird; ist es nicht bei der ebenfalls verdeckten Wiederkehr
des Reims in der letzten Strophe, als ob der Wind, von dem das Gedicht
seinen schlanken, fließenden Gang erhalten zu haben scheint, leis
verwischend darüber hinstriche? Am Ende bleibt frohes Staunen über
die Unerschöpflichkeit unserer Lyrik, die immer wieder einmal ein
echtes, gültiges Gebilde hervorbringt, bei dem man das rätselhafte
Gefühl hat, daß es einmal so, wie es ist, kommen mußte.
© Georg Jung |
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