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Georg Jung 
zu diesem Gedicht

Georg Britting
Sämtliche Werke 
- Unter hohen Bäumen -   Band 4   Seite 135
© Georg-Britting-Stiftung  - Alle Rechte vorbehalten       zu den Rechten:


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FRÜH IM JAHR

Die Äste sind schwarz 
Und das Licht ist schmächtig –
Woran erkennst du den 
Frühling ?

Die Luft ist trächtig, 
Trägt Hauch und Gerüche. 
Kocht schon in der Küche, 
Im felsigen Hohlraum 
Die alte Frau Mutter ?

Wind sagt seine Sprüche, 
Die stößig gekürzten,
Dem Schweigen ins Ohr.

Felsen, was flennst du 
Duftende Tränen? 
Was soll dein Gähnen, 
Sumpfloch im Moor ? 
Wind, und das nennst du schon 
Ahnung und Frühling, 
Weil in der Küche, 
Im felsigen Tief, 
Der Alten, der Mutter
Ein Topf überlief, 
Mit Sud vom Gewürzten ?

.. ... ...copiert von www.britting.com


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FRÜH IM JAHR

 
Aus
Georg Jung

»Aufzeichnungen«
Eine Auswahl

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"Über Gedichte Georg Brittings"
Zum 70. Geburtstag des Dichters am 17. Februar 1961

Erst spät hat sich die lyrische Dichtung den Zeiten des Jahres zugewandt, die zwischen den eigentlichen Jahreszeiten sind, in denen die alte verklingt und die neue sich scheu und mit noch zarter Gewalt verkündet; Zeiten, die gleichwohl ihre geprägte Eigenart haben, wenn sie auch nur dem feineren, für Abstufungen empfindlichen Sinn bemerkbar und bewußt werden. Es spricht für Goethes Naturnähe, daß er, der „in der streichenden Februarluft schon den Frühling ahndet" (Brief an Gustchen, 1775), das erste 
vollkommene Vorfrühlingsgedicht unserer Sprache schreibt, jenes herrliche, zu wenig gekannte „Ein zärtlich jugendlicher Kummer", worin das noch winterliche öde Grau von der zarten Verheißung des künftigen Frühlings durchdrungen wird.
Unter den Lyrikern der Gegenwart ist Georg Britting, der nunmehr Siebzigjährige, der große Dichter der Jahreszeiten. Kein deutscher Lyriker ist so reich an Gedichten, die alle Zeiten des Jahres in allen ihren Abstufungen, Abwandlungen und Beziehungen zueinander immer wieder in Klang und Bild körniger Dichtersprache bannen. Die ungewöhnliche Nähe zum Elementarischen, die diesen Lyriker unserer Tage mit Mörike, seinem Lieblingsdichter, verbindet, befähigt ihn vor allem, die leisen Übergänge, die Zwischenstufen, die der älteren Dichtung noch unzugänglich waren, aufzufassen und mit der ihm eigenen Meisterschaft der Sprache in lyrische Gebilde zu verwandeln. Das Wesen des Gegenstandes erscheint darin in dichter, gleichsam atmender Unmittelbarkeit ausgedrückt.
Von seinen Frühlingsgedichten ist „Früh im Jahr" das eigenartigste und vielleicht stärkste. Wie so manches seiner Gedichte fast prosaisch nüchtern beginnend, mit einer wie gesprächsweise geäußerten Feststellung, die gleichwohl Wesentliches trifft, erhebt es sich unversehens zu reinster Poesie. In der kargen nordischen, noch winterlich farblosen Landschaft mit kahlem schwarzem Geäst, schmächtigem Licht, mit Felsen und Moor, ist es einzig der Duft, in dem sich erregend ein Neues, Nicht-mehr-Winterliches verkündet: er aber regt die wie in Zeiten ursprünglicher Dichtung kräftige Naturphantasie des Dichters an, und so eigentümlich Brittingsch sie ist, steht sie doch im Einklang mit den Vorstellungen uralten volkstümlichen Denkens, das in sprachlichen Bildern wie „Wetterküche" oder „es braut sich ein Wetter zusammen" weiterlebt. Im Schoß der Erde kocht Mutter Natur die würzigen Säfte des Frühlings und Sommers. Da läuft ihr ein Topf über, und nun trägt der Wind, ein neuer erregender, die schweigende Erde zum Lauschen zwingender Wind, durch die noch winterlich gebundene Natur den Duft, den wohlbekannten süßen, der uns aus Mörikes holdem Frühlingslied vertraut ist. So ist der Wind die eigentliche Mitte des Gedichtes: ihm ist darum eine eigene Strophe gewidmet, und ihm gilt auch die Anrede, die in ihrer unnachahmlichen Mischung von mythischer Anschauung, Humor und Innigkeit dem Gedicht den seelenhaften Ton verleiht, der es über bloße Beschreibung weit hinaus hebt.
Wer sich aber von diesem Ton hat bewegen lassen, wird zu dem Gedicht immer wieder zurückkehren, sich nunmehr an Einzelheiten erfreuend: wie etwa die beiden kurzen Zeilen vom gähnenden Sumpfloch im Moor in unübertrefflicher Knappheit und Anschaulichkeit das Erwachen der winterlichen Natur malen, oder wie das derbe, hier freilich einzig angemessene Mundartswort „flennen" durch das ihm folgende „duftende Tränen" geadelt wird.
Und so werden auch zuerst verborgen gebliebene Schönheiten der Form offenbar: zumal die Meisterschaft des Reims, den wenige so behutsam, fast keusch handhaben wie dieser Lyriker: wenn z. B. das „flennst du" nur verdeckt und darum beim ersten Hören kaum merklich gereimt wird; ist es nicht bei der ebenfalls verdeckten Wiederkehr des Reims in der letzten Strophe, als ob der Wind, von dem das Gedicht seinen schlanken, fließenden Gang erhalten zu haben scheint, leis verwischend darüber hinstriche? Am Ende bleibt frohes Staunen über die Unerschöpflichkeit unserer Lyrik, die immer wieder einmal ein echtes, gültiges Gebilde hervorbringt, bei dem man das rätselhafte Gefühl hat, daß es einmal so, wie es ist, kommen mußte.

© Georg Jung

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