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Zum Gedicht
WESPEN-SONETTE
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Georg Jung
»Aufzeichnungen«
Eine Auswahl
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73
"Über Gedichte Georg Brittings"
Zur Entstehung des Gedichtes
„Septembersonett von der gelben Wespe"
„Heut wollt ich ein Gedicht machen, Septembersonett
von einer gelben Wespe`. Eine schöne, gelbe Wespe setzte sich auf
eine gelbe Birne, und sog. Ich fand keinen Anfang. Vielleicht morgen."
So Georg Britting in einem Brief vom 18. August
1950. Es waren die Wochen vor seinem ersten Besuch in Helmstedt, der für
die zweite Septemberwoche geplant war. Vierzehn Tage später, keine
Woche mehr vor dem Tag der Ankunft, kam einer jener großen gelben
Briefumschläge, die als Inhalt ein Manuskript vermuten lassen, und
dieser fühlte sich verheißungsvoll dick an. Ich saß im
Garten, es war Septembers Anfang, ein echter Nachmittag des schönen
Monats, worin sich Sommer und Herbst begegnen, mild war die Luft, das Licht
schon etwas dünn, die Sonnenblumen, heuer wahrhaftig „goldene Riesinnen",
blühten noch immer, und die Äpfel hingen schon rot vor der Bläue
der Luft. Was konnte willkommener sein in einer Stunde, wo das Gemüt
zu reiner Empfänglichkeit gestimmt war, als das neue Gedicht, das
nun, dem Umschlag entnommen, auf dem Gartentisch in drei großen und
zwei halben Blättern sich ausbreitete, von der ersten Niederschrift
bis zur - vorläufig - endgültigen Gestalt! Das Gefühl, mit
dem man solche Blätter betrachtet, auf denen ein Gedicht entsteht,
Blätter, die einen teilnehmen lassen an der Arbeit des Dichters, ist
dem verwandt, mit dem man die Handzeichnung einer Künstlers in Händen
hält, die ja so oft die lebendigste Niederschrift einer künstlerischen
Idee ist, unmittelbarer Ausdruck einer schöpferischen Stunde. Und
nun das erste, erwartungsvolle Lesen eines noch unbekannten, vor wenigen
Tagen erst entstandenen Gedichtes, wobei sich die leise Sorge einmischt,
es möchte nicht halten, was die Erwartung sich verspricht, eines Gedichtes,
das, wie sich gleich erweist, gesättigter Ausdruck des Monats ist,
der einen im Garten mit der reifenden Fülle der Früchte in einer
stillen, milden Luft umgibt:
Septembersonett von der gelben Wespe.
Das Stroh ist gelb. Das ist Septembers Farbe.
Die dicke Birne ist so gelb wie er,
Und für die Wespe da, daß sie nicht
darbe:
Verspätete, man sieht sonst keine mehr!
Die goldne Sonne hängt am Himmel schwer,
Gelb wie die Birne, die zersprungen klafft,
Die Wespe trinkt bedächtig von dem Saft:
Die fette Birne wird so schnell nicht leer
Und trocken sein, und nichts als dürre Haut!
Vom Himmel oben, der gewaltig blaut,
Strömt überreif Septemberlicht hernieder.
Die Wespe trinkt.
Bei jedem Zuge rührt
Die Brust sich ihr, spannt sich das enge Mieder,
Das ihre fräuleinshafte Hüfte schnürt
Ein Gedicht ganz aus dem Gelb, der Sonnenfarbe, entwickelt.
Alles ist gelb, zumal die saugende Wespe, die hier zum Mittelpunkt der
Welt wird, einer Welt, die voller Reife und Ruhe ist, vom Licht wie von
innen durchhellt und durchwärmt; alles ist auch Frucht, auch die Sonne:
was von ihr niederströmt, das überreife Licht, es ist im Grunde
nichts anderes als der süße Saft, den die Wespe aus der Birne
saugt. In diesem tellurischen Gedicht fehlt auch (wie meistens bei Britting)
der Himmel nicht: das Stroh des Stoppelfeldes, die Birne, die Wespe, die
Sonne am blauen Himmel, das alles schließt sich in praller plastischer
Fülle zur Einheit der frühherbstlichen, septemberlichen Welt
zusammen, und weil die Wespe, das feingliedrige, „fräuleinshafte"
Geschöpf, teil daran hat, in ihrer Kleinheit das Große widerspiegelnd,
ist die adlige Form des Sonetts, ursprünglich nur Gefäß
hoher menschlicher Gehalte, nicht zu gut, sie zu loben.
Eine solche Dichte der Anschaulichkeit mußte
erarbeitet werden. Der erste Bogen vor allem zeigt es: auf ihm begegnen
noch unanschauliche, begriffliche Wendungen: „Wer wollte nicht die Welt
jetzt loben?" „Mir scheint sie ist betrunken", „Was wollte sie von diesem
Herbste mehr?"
Aber auch Bilder erscheinen und werden wieder
fallen gelassen: der Raum des Sonetts ist schmal, er zwingt zur Beschränkung
und Auswahl:
....„Die Wespe kennt
nicht Schnee und weißes Eis,
....Die Welt ist gelb, denkt sie, und sommerheiß,
....Voll gelben Weins, und das ist ihr genug."
Am schönsten aber ist es zu verfolgen, wie
die letzte Strophe wird: in drei Würfen erst wird sie gewonnen. Der
dichterische Kern der schönen Strophe, das Bild des Weibes mit dem
der Hüfte eng anliegenden Mieder, ist schon im ersten da: hier aber
ist es noch bäuerlich die Magd mit dem goldbesetzten Mieder, dann
wird das Bild verfeinert, die Vorstellung des Fräuleinshaften erscheint,
aus dem einfachen „schön sich rühren" wird das stärkere
„sich lustvoll rühren", bis im dritten Anlauf die gültige Gestalt
erreicht ist:
1. Die Wespe trinkt: das ihre Hüfte
schnürt,
....Wie einer Magd, das goldbesetzte Mieder,
....Wie es bei jedem Zuge schön sich
rührt!
2. Die Wespe trinkt . . .
....Das fräuleinshafte
angepreßte (angeschmiegte) Mieder,
....Wie es bei jedem Zug sich lustvoll rührt!
3. Die Wespe trinkt. Bei jedem Zuge rührt
....Die Brust sich
ihr, spannt sich das enge Mieder,
....Das ihre fräuleinshafte Hüfte
schnürt.
Nun erst sitzt das Bild, der Satzbau ist vereinfacht
und das emphatische „Wie" des Ausrufs durch schlichte Aussage ersetzt.
Schön ist es, ein Gedicht zu schreiben,
aber auch schwer: Auf diesen mit zahlreichen Korrekturen, die Phantasie
anregenden Reimfolgen, Einfällen bedeckten Blättern ist es zu
sehen, wie schöpferischer, unwillkürlicher Einfall und künstlerische,
bewußte Arbeit sich verbinden, ja wie beim Schreiben die gestaltende
Kraft sich steigert und zu Versen gelangt, die nicht von Anfang an da waren.
Und kaum ist das Gedicht ins Reine geschrieben,
läßt der Geist des Ungenügens keine Ruhe: was Reinschrift
war, ist nun wieder Entwurf. Während der Dichter schon im Zuge sitzt,
auf der Reise ins nördliche Deutschland, befördert die Post die
endgültige Gestalt des Gedichtes und bringt sie ins Haus, willkommener
Gegenstand des Gesprächs beim ersten gemeinsamen Mahl.
© Georg Jung
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