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© Georg-Britting-Stiftung

Georg Britting
Sämtliche Werke  - Prosa -
Herausgegeben von Wilhelm Haefs

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Band 3-2  Seite 10
Kommentar Seite 445

Aus: »Die Kleine Welt am Strom«       Neu erschienen bei Rimbaud ! [Okt.2006]


Der Franzose und das Ferkel

Im Jahre 1872, der Himmel war noch blauer damals, erzählte mein Onkel, und die Donau grüner als heut, und die jetzt dicke, alte Bäume sind, fett und narbig und knorrig, die bogen sich in jedem Wind, da begegnete man in den Straßen unserer Stadt oft einem kleinen, schwarzkinnbärtigen Herrn, und das war ein ehemaliger Unterfeldwebel des französischen Heeres, Rancourt mit Namen. Der war im Krieg gefangen genommen worden, in der Schlacht bei Sedan, so sprach man, und das Schicksal hatte ihn in die Donaustadt verschlagen, und er hatte gefunden, daß die Donaustadt eine schöne Stadt sei, und war geblieben auch nach Friedensschluß, und trug noch lange zu seinem bürgerlichen Rock die mohnroten Hosen des Soldaten. Ein gelbes, biegsames Stöckchen ließ er lustig kreisen, und stand an der steinernen Brücke und sah den Anglern zu, und sah zu, wie die selten, aber doch hin und wieder einmal, einen Silberfisch aus dem Wasser holten. Und wir Kinder, sagte mein Onkel, wir blickten nicht den Fisch an, ein Rotauge oder eine Brachse, die hatten wir oft gesehen, wir blickten verstohlen auf die roten Hosen des Herrn Raucourt, auf sein schmetterlinggelbes Wippstöckchen, und weil das alles, die flammenden Hosen und der Ziegenbart und das bewegliche Stäbchen im Wasser noch einmal sich darboten, so starrten wir voll heftiger Neugier auf die bunte Spiegelung, um den Mann selber nicht allzudreist mustern zu müssen. Und der Leiter der Bürgerschule der Stadt, in der man natürlich auch die französische Sprache lehrte, war der Meinung,daß die fremden, schweren Worte leichter auf die Zungenspitzen der Schüler zu bringen seien, wenn ein echter, unzweifelhafter, lebendiger Franzose das versuche dieser Bürgerschulleiter also stellte an den Herrn Unterfeldwebel Rancourt das Ansinnen, einen Lehrposten für Französisch an der Anstalt zu übernehmen. Der Herr Rancourt willigte gerne ein, kehrte nicht mehr in sein Vaterland zurück, blieb bis an sein Lebensende, und ging eifrig und auf ein wenig gebogenen Beinen durch die Krummgassen der Donaustadt, immer noch aber das senffarbene, das schmetterlingsfarbene Stöckchen wippend.
 Das war damals, erzählte mein Onkel, als es noch schöner war zu leben, und als dort noch grüne Wiesen waren und eine Felsenkellerwirtschaft, wo heute das städtische Pfandhaus steht, damals, als das braune Bier so dick und honigklebrig war, daß, wer mit dem Ärmel am Verschütteten hängen blieb, einen Stofflappen opfern mußte, um wieder loszukommen. Da lachte mein Onkel, als er das erzählte, und sagte auch, daß der Mond, wenn er an Juniabenden über dem Dom emporstieg, so groß gewesen sei wie ein Wagenrad, zum Fürchten groß, und seiner Schätzung nach mindestens doppelt so groß als heute.
 Da lachten wieder wir, und glaubten es nicht, und forderten ihn auf, heute, am Abend, zur Stunde des Mondaufgangs, mit uns vor die Stadt zu gehen und mit uns zu warten, bis die gelbe Scheibe aus der dampfenden Abendebene zwischen Hügelrücken und roten Kaminen sich emporarbeiten würde, und dann im Angesicht des glühpunschfarbigen Lichtträgers, ja, Aug in Aug mit ihm, seine Rede zu wiederholen.
 Um wieder auf diesen Rancourt zu kommen, sagte aber mein Onkel, so hatte der säbelbeinige Mensch sich so bei uns eingewöhnt, daß es wahrhaft zum Staunen war. Er trank bald mehr Bier als irgendein Ortsansässiger und aß im Wirtshaus Kalbsbraten mit Kartoffelsalat und schwärmte für Leberknödel und Grießnockerln. Er lernte auch deutsch zu sprechen, aber er brauchte sehr lang dazu, und jahrelang radebrechte er es in der entsetzlichsten Weise.
 Nun war damals jeden Mittwoch in der Wahlenstraße Spanferkelmarkt. Da kamen die Bauern und Bäuerinnen aus der Umgebung und brachten in Körben die quiekenden
Tiere. Die waren meist rosafarben und wunderlieblich behaart, manche auch waren schwarz, und besonders schön ist es, wenn ein Ferkel um die Schultern herzförmig schwarz ist, während das Hinterteil bis zur Schwanzmitte gelbweißbeflaumt schimmert und die Schwanzspitze lustig und unerwartet wieder teufelsmäßig dunkel sich ringelt. Die Käufer packten das Tier bei einem Fuß und hoben es hoch, daß es laut aufschrie und den prallen, runden Leib hin und her warf, und mindestens fünfzehn hob man auf und beschaute sie, bis man sich zum Kauf von einem entschloß, so daß es an den Markttagen ziemlich laut herging in der Wahlenstraße. Es roch auch ganz besonders in der Straße und auch noch in den Nebenstraßen an diesen Mittwochvormittagen, gut eigentlich, so nach Stall und Stroh, und recht gesund.
 Und damals, fuhr mein Onkel fort, als natürlich noch keine Straßenbahn durch die Stadt mit grellen Glocken läutete, nur Bauernschlitten an Wintertagen durchs Jakobstor klingelten, damals traf man oft Buben und Dienstmädchen, auch wohl den Hausvater selber, wie sie vom Bäcker kommend, schmale Bretter auf den Schultern trugen. Die waren von der Backofenhitze angeröstet, hatten schwärzliche Rillen davon, und auf die Bretter waren genagelt die gebratenen Ferkel. Sie lagen auf dem Bauch, wie spielend alle Viere von sich, und den schmalen, listigen, lustigen Kopf dicht auf das Holz geduckt und schwebten so hochgetragen strahlend dahin. Sieht man das heute noch? murrte mein Onkel. Aber dann lächelte er und erzählte weiter: Der Rancourt nun wollte natürlich auch einmal sein Spanferkel haben und fand sich also in der Wahlenstraße ein, ahmte die anderen Käufer nach, hob Ferkel nach Ferkel am Bein hoch, sah lachend auf die Quietschenden herab und ließ sie wieder in den Korb fallen, wo die Tiere, weiter schimpfend, sich ins Stroh zu den Kameraden schmiegten, tief und aufgeregt atmend. Schon das siebente oder achte gefiel ihm ausnehmend, er fragte, mehr mit den Händen als mit Worten, nach dem Preis, zahlte und nahm das Tier zärtlich auf die Arme, um es zum Metzger zu tragen. Es lag so rosig auf seinen Ärmeln, daß er der Versuchung nicht widerstand, es zu streicheln, aber das bekam ihm schlecht. Das Ferkel zappelte wütend, er stolperte, fiel, das Tier war frei und hell rufend raste es davon, Ringelschwanz hoch, schnell wie der Blitz, ohne sich umzusehen. Der Herr Rancourt lief hinterdrein, feurigen Auges, säbelbeinig, und das Ferkel war schon um die nächste Ecke. Der Franzose fluchte, fluchte alle gewalttätigen und abscheulichen Flüche seiner Soldatenzeit, bog um den Prellstein, war in der Seitengasse, aber das Ferkel war nicht mehr zu sehen. Quiekte es nicht fern zärtlich und lockend und höhnisch? Aber zu erblicken war es nicht, nur ein Dienstmädchen kam ihm entgegen. Er wollte es fragen, ob es dem Ausreißer nicht begegnet wäre, aber damals, 1872, da war er erst knapp über ein Jahr in der Stadt und konnte nur wenig Deutsch, und er war auch zu aufgeregt, um sich die Frage sauber zurechtzulegen, und so schrie er zappelnd, mit drehenden, malenden, erklärenden Handbewegungen ergänzend, was ihm an Worten fehlte, so trompetete er aufgeregt der Dienstmagd etwas zu und das war so: »Fräulein, aben Sie nicht gesehen kleine Person, vorne oi, oi, hinten dirrididldi?«
 Es steckte eine schöne und kräftige und sehr anschauliche und einprägsame Beschreibung des flüchtigen Rosatieres in den Worten, aber die Magd verstand sie trotzdem nicht gleich, die schwerfällige Person begriff erst später den Sinn, aber da hatte er das Ferkel schon wieder gefunden, das sich in einen Hausflur geflüchtet hatte.
 Aber die Stadt, Gott, wie anspruchslos war sie damals, sie freute sich noch lange über die Sprachkünste des Ferkeljägers! Oh, wie er das Ringelschwänzchen, das ewig bewegliche, geschildert hatte, das lustige, das keck und naseweismutig wie ein fleischerner Lerchentriller war, das sang, ja, sang, wers zu hören verstand, überwältigend dummdreist und unverfroren das Lied dirrididldi! Und oi, oi quiekte die Schnauze, der Rosarüssel, tiefer im Ton als die Schwänzchenflöte, die biegsame, helle.
 Und, sagte mein Onkel, er hat später noch oft Kalbsbraten mit Kartoffelsalat und Leberknödelsuppe gegessen, der Herr Rancourt, und auch Spanferkel und lernte auch noch regelrichtig Deutsch und wurde sogar Professor.
 Aber als er so weit war und die fremde Sprache, wie man so übertreibend sagt, beherrschte, drückte er sich in ihr so richtig und nüchtern aus, wie wir das alle tun, in langweiligen und trockenen Sätzen ohne Klang und Glanz, glatt und ohne Stockung redend, wie Wasser von der Röhre läuft, und nie wieder, natürlich, ist ihm ein so schönes Gedicht gelungen wie das Ferkelgedicht. Das gelingt auch uns allen nur, die wir keine Dichter sind, solange wir Kinder sind, denn wie ein Kind, süß lallend, irrte der erwachsene französische Mann damals taumelnd im Dunkel des mächtigen, zauberischen Sprachurwalds, und nur im geheimnisreichen Dämmern ist dem Gedichte wohl.
 Mein Onkel hatte sich in die Ecke des Zimmers zurückgezogen, in den schwarzen Ledersessel, der dort stand, wer weiß, wie lange schon? Die Dämmerung wollte schon kommen, draußen, wo die alte Stadt lag mit den vielen Türmen, wo der Strom floß, der grüne, der rauschende.
 Und, sagten wir, du glaubst, daß damals der Mond größer und gelber war? Geh heut abend mit uns auf die Donauinsel, heut abend um acht Uhr kommt er, der gelbe Wanderer, sieh ihn dir an!
 Ja, sagte mein Onkel, der Mond, der vielleicht, aber das Bier?




Drucknachweise und Anmerkungen:
 
 

S.io Der Franzose und das Ferkel
Erschien zuerst u.d.T. Erinnerung in: Berliner Tageblatt, Nr.615, 30.12.1926;
dann vielfach nachgedruckt.
U.d.T Das Ferkelgedicht zuerst erschienen in: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.24o, 4.9.1932. Diesen Titel zog B. später vor (an Bemt von Heiseler, 7.3.1950), und so benannt wurde der Text auch seit 1945 häufig abgedruckt,
ebenfalls in -E I, S.57-62.
Der Druck im Berliner Tageblatt weist gegenüber der späteren Buchfassung einige Abweichungen auf:
S.io, Z.gf: und das Schicksal [...] verschlagen Fehlt in E.
S.io, Z.11-13: und war geblieben [...] Hosen des Soldaten. Fehlt in E.
S. 10, Z.21-26: Wippstöckchen [...] mustern zu müssen. E: Wippstöckchen und sahen das alles, die flammenden Hosen und den Ziegenbart und das bewegliche Stäbchen im Wasser gespiegelt, und so sahen wir aufmerksam und unverwandt die bunte Spiegelung an, wenn wir uns scheuten, den Mann selber allzu dreist anzustarren.
S. io, Z.33 - S.1 1, Z.2: Der Herr Rancourt willigte [...] Lebensende E: Der Herr Rancourt tat's, und blieb auch nach Friedensschluß, und blieb bis zu seinem Tode
S.11, Z.9: Pfandhaus E: Schlachthaus
S.11, Z.32: Weise. E.: Weise. Wie es mit seinem Unterricht bestellt war, weiß ich nicht. Aber er war ein Franzose und konnte Französisch, da wird er wohl geeignet gewesen sein, den Schulbuben seine eigene Muttersprache beizubringen.
S.11, Z.34: Da kamen E: Da kommen Und weiterhin der Absatz im Präsens statt im Präteritum.
S.12, Z.1-3: Die waren [...] schön ist es E: Die sind so wunderlich flachsgelb behaart, manche auch schwarz, manche zeigen auch beide Farben, und das ist besonders schön
S.12, Z.i9: klingelten, damals E: klingelten, damals, im Frühjahr und im Herbst, mittags und so gegen fünf Uhr abends
S.12,Z.22f.: schwärzliche Rillen E: braune Rillen
S.12, 2.23f: und auf die Bretter [...] Sie lagen E: und auf den Brettern waren aufgenagelt die braunlackierten, gebratenen Ferkel, die lagen
S.12, Z.32: die Quietschenden E: das Quietschende Im folgenden entsprechend stets Singular.
S.13, Z.5-7: Das Ferkel zappelte wütend [...] hell rufend E: Das Ferkel zappelte wütend, es rutschte, das Tier war schon auf dem Boden, und hell quiekend
S.13, Z.2o-23: schrie er [...] das war so E: schrie er, sinnlos weiter stürzend, der Dienstmagd etwas zu, und der schöne Satz war dann tagelang das Vergnügen der Stadt, und so schrie er
S.13, Z.32f: Sprachkünste des Ferkeljägers! E: Sprachkünste des feurigen Unterfeldwebels und Lehrers.
S.14, Z.9-2o: Der Abschnitt fehlt in E.
Den Äußerungen des Onkels ähneln Erinnerungen B.s: »Vor 1914, da war Bayern ein Paradies« (an Wetzlar, 22.7.1946; vgl. 18.4.1947) und: »In meiner Jugend trank man [...] nur dunkles Bier, süß und klebrig. « (Hohoff, S.68)
Vgl. zu diesem Text auch B.s Regensburger Bilderbögen von 1911 und die Prosaskizze Regensburg von 1925 (Bd.I).
 


S.16 Der unflätige Hirte
Zuerst erschienen in: Jugend, 36, 1931, S.564f: [1.September].
Aufgrund der recht derben, drastischen Schilderung scheint der Text sonst nicht mehr gedruckt worden zu sein.
 
 


S.24 Hochwasser
Zuerst erschienen mit einigen Varianten u.d.T: Zwei Männer rechnen ab in: Uhu. 9, 1933, H.5, S.95-97 [Februar]. [E]
Darin heißt es abweichend von:
S.24, Z.21: vor das Lager seiner Frau, schüttelte sie E: vor das Bett seiner Frau, kniff wie ein Jäger ein Auge zu und durchspähte forschend das gerötete Gesicht der Tiefschlafenden, suchte etwas in dem Gesicht, fand aber nichts, knurrte, murrte, rüttelte heftig die Frau
S.24, Z. 27: Die Frau ging E: Die Frau wollte eine Widerrede wagen zuerst, unterließ es aber, als sie sein Gesicht sah, ging
S.25, 2.26: Kein wahres Wort sei an dieser Beschuldigung Fehlt in E. S.25, Z.31f: und Hahaha! [...] in der Falle. Fehlt in E.
S.26, Z.32-33: keineswegs. Aber [...] Verbrechen E: keineswegs, das ginge zu weit. Aber dabei habe er ihr doch nichts abgebissen, versuchte er zu scherzen
Eine frühe, erheblich straffere erste Fassung erschien in: Simplicissimus, 27, 1922, S.94 [17.Mai]. Sie ist knapper in den Formulierungen bis zur lakonischen Kürze, pointierter, angepaßt einem Schreibstil, wie er in Zeitschriften von der Art des Simplicissimus gängig war (vgl. dazu auch die 1923 und 1924 ebenfalls im Simplicissimus erstveröffentlichten Fassungen von Das Haus zur heiligen Dreifaltigkeit und Die Windhunde [u.d.T Die Windspiele], die ähnliche Stilbesonderheiten aufweisen). Es fehlt noch völlig die für B.s späteren Erzählgestus typische sprachliche Verdichtung und ›gedehnte‹ Struktur der Sätze.
Eine zweite überarbeitete Fassung erschien 1927 in Michael und das Fräulein (S.95-1o1). Sie zeigt B. auf dem Weg zur Ausweitung und Differenzierung der Erzählform (vgl. S.486 zu Donaufischer und Mädchenhändler).
Als anschauliches Beispiel für die Stilentwicklung B.s sei der Schluß von Hochwasser (S.27, Z.19-S.29, Z.5) in den frühen Fassungen von 1922 und 1927 synoptisch wiedergegeben:
[…]
schaukelte im Boot. Heinrich fuhr
fort: Es sei öfter als einmal gewe-
sen. Na ja, die Versuchung. Er sei
auch nur aus Fleisch. Aber so oft,
wie Jakob sich das denke, so oft
sei's wahrhaftig nicht gewesen. Er
solle ihm doch verzeihen und ihn
jetzt ins Boot lassen.

 
Jakob sagte ihm ins Gesicht, daß er 
sterben müsse. Er solle jede Hoff-
nung aufgeben. In einer Stunde sei 
das Wasser so weit. Er bliebe, um 
zuzusehen, wie Heinrich verrecke.
Jakob sagte ihm ins Gesicht, daß er 
sterben müsse. Er solle jede Hoff-
nung aufgeben. In einer Stunde sei 
das Wasser so weit. Er bliebe um zu 
sehen, wie Heinrich vergurgle und 
verrecke.
 
Heinrich verlegte sich aufs Betteln.
 
 
 
 
 
 
 
 

Er weinte, schrie, heulte, fluchte.
 
 
 
 
 
 
 
 

Auf einmal verschwand er im In-
nern des Hauses. Jakob beobachte-
te es unruhig.

 

Der in seinem eigenen Haus Gefan-
gene verlegte sich aufs Bitten, auf 
Betteln, aufs Jammern. Aber Jakob
beachtete ihn gar nicht mehr, sah 
zu, wie die Wellen sich gegen die 
Bootsspitze warfen, als ob allein 
das noch seine Aufmerksamkeit 
fesseln könne, hörte gar nicht mehr
auf den ehebrecherischen Mann,
der nun laut weinte, dann schrie, 
dann fluchte und heulte.
Auf einmal, der Gefangene hatte 
aufgehört zu schimpfen und die 
beiden stummen Männer hatten 
sich minutenlang ins Auge gese-
hen, unbeweglich, und Heinrich 
hatte wohl im Blick seines Richters
die Unerschütterlichkeit des Ur-
teilsspruches gelesen, auf einmal 
trat Heinrich vom Fenster zurück, 
ins Haus zurück, verschwand. Un-
ruhig beobachteteJakob den Rück-
zug des Verurteilten.
 
Es verstrich vielleicht eine Viertel-
stunde. Da erschien Heinrich wie-
der am Fenster, das in kleinen 
Schlucken schon vom Wasser 
trank. Er hatte die Uniform des 
Infanterieregiments angelegt, in 
dem er gedient.

Der Helm deckte seinen Kopf. Auf 
der Brust blitzten die Orden. Den 
Säbel, er war Vizefeldwebel, hatte 
er umgeschnallt.
 

Ohne ein Wort zu sprechen, lehnte 
er am Fensterbalken. Seine Miene 
drückte aus, er wolle den Tod als 
Soldat ohne Furcht und Zittern 
erwarten. .
 
 

 

Es verging wohl eine Viertelstunde, 
und es war Jakob, als ob das schwei-
gende Haus unter dem Ansturm des 
Wassers erbebe. Da erschien Heinrich 
wieder am Fenster. Ertrug die Uniform 
des Infanterieregiments, in dem er 
gedient, in dem er den Krieg mitgemacht 
hatte. Er trug die helle, blaue, bayerische 
Friedensinfanterieuniform, trug den Helm 
mit der blitzenden Spitze auf dem Kopf, 
auf seiner Brust schaukelten Orden, das 
bayerische Militärverdienstkreuz und das 
eiserne Kreuz, schaukelten, klirrten leise, 
hingen dann stumm. Den Säbel, er war 
Vizefeldwebel gewesen, hatte er umge-
schnallt. Ohne ein Wort zu sprechen, 
lehnte er am Fensterkreuz. Er schenkte 
Jakob keinen Blick, er tat, als sei dieser 
nicht vorhanden, und seine Miene drückte 
aus, er wolle den Tod als Soldat und brav 
und ohne Furcht und Zittern erwarten.
 
Jakob sah ihn bestürzt an. Dann 
wußte er nicht, war es Bewunde-
rung, die er für Heinrich fühlte, 
oder sollte er über ihn lachen. 
Er löste die Kette, trieb das Boot 
zum Fenster.
 

Heinrich stieg ein, und Jakob 
ruderte ihn zur Stadt.

Jakob sah ihn bestürzt an. Der kriegerische 
Mann am Fenster rührte sich nicht. Gewaltig 
floß die Donau. Da löste Jakob, und er wußte 
nicht, ob er weinen sollte, ob er lachen sollte, 
ob er Bewunderung fühlen sollte für seinen 
Gegner, da löste Jakob die Kette vom Baum 
und trieb das Boot zum Fenster. Der blaue 
Soldat salutierte, stieg ein, setzte sich auf die 
Bank am Bootsende, wie ein Ehrengast, wie 
ein vornehmer Herr und General, und Jakob 
ruderte ihn eilig und still über die gelbschäumende 
Wasserfläche zur Stadt.

 
 



DRUCKNACHWEISE UND ANMERKUNGEN

Die kleine Welt am Strom (1933)

Erstausgabe: Die kleine Welt am Strom, München: Albert Langen/Georg Müller 1933 (= Die kleine Bücherei, Nr. 15). [1-5.Tsd.l 6o S. Pappband. Auflagenentwicklung: 6.-10.Tsd. 1933; 11.-15.Tsd. 1936; 16.- 20.Tsd. 1940; 21. 25.Tsd. 1944 26-30.Tsd. 1942; 31.-50.Tsd. 1943 (= Feldpostausgabe).

Im wohlkomponierten Wechsel von Gedichten und Geschichten (sieben Erzählungen stehen acht Gedichte gegenüber; der Band beginnt und endet jeweils mit einem Gedicht, das programmatisch zu verstehen ist) sind Texte versammelt, die seit 1922 entstanden und größtenteils auch gedruckt worden sind.
Bei den Erzählungen Hochwasser und Das Haus zur heiligen Dreifaltigkeit handelt es sich um umgearbeitete Fassungen von zuvor unter den gleichen Titeln im Novellenband Michael und das Fräulein erschienenen Texten; die beiden Gedichte Die Kapelle und Die kleine Welt in Bayern (zunächst u.d.T. Pfingstmorgen) von 1924 und 1927 hatte B. in seine erste Lyriksammlung Gedichte von 1930 aufgenommen; die programmatische Kleine Welt in Bayern stand 1932, neben anderen Gedichten B.s, in der für die neue Naturlyrik der Jahre um 1930 zentralen Anthologie Mit allen Sinnen (hg. von C.D.Carls und A.Ullmann, Berlin: Rembrandt Verlag).
Die Gedichte aus der Kleinen Welt am Strom nahm B. dann unverändert in seine erste große Lyriksammlung Der irdische Tag (1935) auf. Die Sammlung selbst wurde bis Ende des Krieges vertrieben. Danach dauerte es eine Zeitlang, wegen der Lizenzverweigerung der amerikanischen Militärregierung für Langen-Müller, bis das Bändchen, B.s erfolgreichste Veröffentlichung, bei einem neuen Verlag wieder herauskam. Nachdem die Nymphenburger Verlagshandlung unter ihrem Leiter Curt Vinz Interesse an einer Neuauflage bekundet hatte, machte sich B. Gedanken über die Möglichkeit, den Band zu erweitern. An Jung schrieb er am 22.10.1951:

Ich werde ihnen nun vorschlagen, die Kleine Welt unter neuem Titel und vermehrt um Tauschgeschäfte, Afrikanische Elegie, Fliederbäumchen und Donaufischer und Mädchenhändler zu bringen. Wenn ihnen das nicht zu viel ist! Dann geschähe, wozu Sie mich manchmal gemahnt haben, meine Donaujugendgeschichten in einem Band heraus zu geben [...1 Wissen Sie einen Titel? Mindestens im Untertitel muß bayerisch vorkommen.
Diese Neukonzeption kam allerdings nicht zustande. B. bezweifelte, daß »sich die kleinen Weltgeschichten stilistisch mit den neuen und ruhigeren Geschichten« vertrügen (an Jung, 29.10.1951); vor allem die Afrikanische Elegie, welche die Nymphenburger Verlagshandlung dann 1952 gesondert veröffentlichte, hätte Rahmen und Konzeption der Kleinen Welt gesprengt. So erschien die Neuausgabe im März 1952 nur wenig verändert, mit einem illustrierten Umschlag, gestaltet nach einer älteren Zeichnung Alfred Kubins, die eigentlich nicht ganz zu B.s Kleiner Welt paßte: sie zeigt einen Jungen in einem durch Schilf gleitenden Boot vor einem Bergpanorama.
Im ganzen war B. aber »zufrieden« (an Jung, 4.3.1952); er hatte den Titel von Der Franzose und das Ferkel in Das Ferkelgedicht geändert (vgl. S.445), und er hatte das ihm wohl mittlerweile »problematisch« gewordene Gedicht Geistliche Stadt (vgl. Haefs, S.46£) heraus- und dafür ein neues, Steht ein Fisch in der Flut (ursprünglicher Titel: Am Fluß; vgl. Bd.II), hereingenommen. Er änderte überdies:
S.23, Z.6: sturmzerfetzt in: stumm zerfetzt
Eine Neuauflage der Zusammenstellung von 1952 gab Dietrich Bode heraus: Die kleine Welt am Strom. Geschichten und Gedichte, Stuttgart: Reclam 1980 (Nr.9965).
In der Gesamtausgabe steht die Sammlung nicht mehr geschlossen, die Erzählungen befinden sich im Band Erzählungen 1920-1936, die Gedichte im Band Gedichte 1919-1939.
Das Bändchen Die kleine Welt am Strom erschien Anfang 1933 in der ›zweiten Reihe‹ (mit fünf Bänden) der 1932 von Langen-Müller neu geschafenen Kleinen Bücherei, in der zunächst ausschließlich Gegenwartsdichtung erscheinen sollte; zuvor waren in der Reihe Prosa- und Gedichtbändchen von Paul Ernst, Hans Grimm, Knut Hamsun, E.G.Kolbenheyer, Selma Lagerlöf, Wilhelm Schäfer, Hermann Steht, Emil Strauß, Paul Alverdes, Richard Billinger, Friedrich Griese, K.B. v. Mechow, Dr. Owlglaß (d.i. Hans Erich Blaich) und H.E Blunck herausgekommen teils in Original-, teils in Neuausgaben. Die Reihe verstand sich von Beginn an als literarisches Pendant zur »völkischen Erneuerung«, sie spiegelt im ganzen recht genau die völkisch-nationale Orientierung des Langen-Müller Verlages. Neben einer Reihe nationalsozialistischer und nationalkonservativer Autoren sowie skandinavischer Dichter (»Erlesene deutsche und nordische Gegenwartsdichtung« war Mitte der dreißiger Jahre das Werbe-Motto) bildeten ältere, bereits verstorbene Autoren wie Maximilian Dauthendey und Henry von Heiseler neben der katholischen Dichterin Gertrud von Le Fort die Ausnahme. Erst recht fiel B.s Bändchen Die kleine Welt am Strom literarisch aus dem Rahmen, trotz mancher Anklänge an Paul Alverdes (dessen Kleine Reise. Aus einem Tagebuch war als Nr.9 der Kleinen Bücherei erschienen, 1934 von der Szenenfolge Die Freiwilligen mit Holzschnitten von Karl Rössing gefolgt).
Mitte 1932 trat der Langen-Müller Verlag an B. heran und bat um einen Veröffentlichungsvorschlag für die Kleine Bücherei. B. sah die Gelegenheit, einen vermutlich schon länger gehegten Plan zu verwirklichen. Am 26 Juli 1932 schrieb er an Reinhold Geheeb vom Langen-Müller Verlag und charakterisierte seinen Vorschlag:
Das kleine Donaubuch erschien mir auf einmal wunderbar passend für Ihre geplante kleine Reihe. Es sind Prosaarbeiten, Jugenderinnerungen zum Teil, auch eine Erzählung, durch Gedichte verbunden, alle in der von mir geliebten Atmosphäre des Donautals. Und wenn ich mir denke, daß auf dem Umschlag oder auf der Titelseite ein Holzschnitt von Altdorfer oder eine der köstlichen Donaulandschaften von Wolf Huber steht, so ergäbe das eine Einheit, die mein Herz erfreut - und vielleicht auch das Ihre! [...] Ich hab es übrigens nicht etwa eilig mit der Publikation, sie mag getrost erst bei der zweiten oder dritten Abteilung der Reihe vorhanden sein. Das Manuskript ist nicht ganz fertig, Wiederholungen in der Prosa müssen gestrichen werden, Sie werdens merken, einzelne Gedichte können durch andre ersetzt werden, und, vielleicht, läßt man besser den unflätigen Hirten ganz weg. Ich hätt auch was anderes für ihn, aber vielleicht ist es so schon zu umfangreich.
Buchhändlerisch scheint mir der Plan auch nicht schlecht zu sein. Es ist eine bayerische Angelegenheit, und sowas ist hierzulande nicht unbeliebt. Es ist, hoff ich, nicht Autoreneitelkeit, was mich treibt. Aber mir ist so merkwürdig wohl, wenn ich mir das kleine Buch vorstelle.
(Deutsche Staatsbibliothek, Berlin/DDR; Nachlaß R. Geheeb)
B. erhielt vom Verlag umgehend einen positiven Bescheid mit einer Reihe von Änderungsvorschlägen zum Manuskript (die zum Teil die Anordnung der Texte betrafen), mit denen er auch einverstanden war. Daß der Verlag die Geschichte vom Unflätigen Hirten akzeptierte, freute B. besonders. Er versprach noch einmal »fest über das Manuskript« zu gehen und es alsbald abzuliefern (an Geheeb, 29.7.1932).
Nur mit einem definitiven Titel für seine Sammlung tat sich B. schwer: Vermutlich wünschte der Verlag kein ›bayerisch‹ im Titel (was zu diesem Zeitpunkt auch noch ganz im Sinne B.s gewesen sein müßte), um nicht von vorneherein die Absatzchancen im Norden Deutschlands zu verringern. Nachdem schließlich der Langen-Müller-Verlagsleiter Gustav Pezold (vgl. Komm. in Bd.II) den passenden Einfall gehabt hatte, schrieb B. erleichtert an ihn:
Lieber und verehrter Herr Pezold, mir ist ein Stein vom Herzen gefallen, und Die kleine Welt am Strom ist ein großartiger Fund. Ich darf Ihnen hundertmal dafür danken [...].
(DLA, Nachlaß G. Pezold)
Der Titel lag eigentlich nahe: Achmanns Holzschnittfolge von 1919 hieß Die kleine Stadt und führte bereits das entscheidende Attribut im Titel; ein Attribut, das in den zwanziger und dreißiger Jahren mehr und mehr in den Vordergrund rückte als Ausdruck eines Literaturverständnisses, das die Heimat, die Provinz, den landschaftlichen Lebensraum gegenüber den Metropolen, den großen Städten aufwertete. Auch Siegfried von Vegesacks erste Lyrikveröffentlichung Die kleine Welt vom Turm gesehn (erschienen 1925 bei Alfred Richard Meyer, Berlin-Wilmersdorf), eine neue selbstbewußte Stimme aus der Provinz, dürfte in mancher Hinsicht von Einfluß auf B. gewesen sein (vgl. Haefs, S.45 f:) und stand letztlich wohl auch Pate bei der Titelgebung für die Kleine Welt am Strom: Es verband sich darin die »kleine Welt« mit dem Titel des für B. programmatischen Gedichts Der Strom. -
1933 erschien im übrigen auch Hermann Hesses Sammlung von kleineren Erzählungen, Erinnerungen und Skizzen aus dem Gerbersau-Umkreis unter dem programmatischen Titel Kleine Welt bei S.Fischer.
Durch den demonstrativen Titel konnte fast aus dem Blickfeld geraten, daß B. s Kleine Welt am Strom an einem »Gemeinschaftserlebnis der Literatur der zwanziger und frühen dreißiger Jahre« partizipierte, der »Tendenz, die Kindheitswelt mit der Landschaft zu verweben« (Hans Dieter Schäfer: Wilhelm Lehmann. Studien zu seinem Leben und Werk, Bonn: Bouvier 1969, S. t i 5). Bode spricht sogar von einer »postrevolutionären Mode«, an der u.a. beteiligt waren: Hans Carossa: Eine Kindheit, 1922; Martin Beheim-Schwarzbach: Die Michaelskinder, 1928; Ruth Schaumann: Amei. Eine Kindheit, 1931; Elisabeth Langgässer: Proserpina. Welt einer Kindheit, 1933 (Schäfer, S.289, Anm.217). Darüber hinaus veröffentlichten auch Eugen Roth, Friedrich Schnack, Rudolf Alexander Schröder und Georg von der Vring (Roman: Adrian Dehls, 1928) Kindheitsdichtungen. Am Anfang dieser Reihe steht die Anthologie Die Einsamen. Kindheitsnovellen (von Fallada, Hatzfeld, Hesse, Musil, S. Zweig, Dymow u. Sologub; Potsdam: Kiepenheuer 1921). Eine Anthologie Kindheitserinnerungen erzählt von Dichtern unserer Zeit (Köln: Schaffstein) brachte dann 1936 neben einer Erzählung von B. (Abenteuer in der Wolfsschlucht) Texte von Hans Carossa, Hermann Claudius, Max Halbe, Agnes Miegel, Anna Schieber, Wilhelm Schmidtbonn, Helene Voigt-Diederichs - ein Querschnitt durch die konservative Dichtung der Zeit. Nun rückt ›Kindheit‹ wieder, nach den zahlreichen kritischen Aufarbeitungen der zwanziger Jahre, in den Erfahrungshorizont des »verlorenen Paradieses« (vgl. auch Komm. zum Ferkelgedicht, S.446).
Zwei Jahre nach der Veröffentlichung der Kleinen Welt am Strom erschien ein völlig anders geartetes dichterisches Lob Regensburgs: In den Gedichten des Bändchens von Friedrich Deml, Regensburg. Die steinerne Sage (München: Verlagsanstalt vorm. G.J. Manz [1935]), dominiert ein feierlicher, schwerer Odenton. Die zwanzig Gedichte über die Donau und die Donaustadt, im Gegensatz zu B.s programmatischem Antiheroismus, wollen einen heroischen »Donaumythos« erschaffen (so auch der Titel des letzten Gedichts); dabei bedient sich Deml genau jener sprachlichen Stereotype, die im Sinne der Nationalsozialisten für eine Erneuerung der lyrischen Sprache standen. Das erste Gedicht, Donaulied, beginnt: »Schon hebt die eisengraue Stadt ihr Haupt,/Regensburg, die dröhnende; Der Donau/Woge gleitet schärfer [...]«
Die kleine Welt am Strom erfuhr zwar eine breite, aber doch bei weitem nicht so intensive Rezeption wie B.s Hamlet-Roman: Dafür war das schmale Bändchen zu unscheinbar und zudem in einer Reihe erschienen, die gewöhnlich nur in Sammelrezensionen vorgestellt wurde. - Dennoch durfte der Autor sicher sein, größeres Interesse auf sich zu ziehen, da er, seit Loerkes zwar zurückhaltendem, aber doch bestimmtem positiven Urteil über Michael und das Fräulein von 1927 (vgl. Komm. in Bd.I), als eine erzählerische ›Hoffnung‹ galt. Auch Hanns Johst hatte lange vor der Veröffentlichung der Kleinen Welt 1931 in einer verspäteten Rezension des ersten Novellenbandes bereits die eigentümliche erzählerische Potenz B.s, wie sie erst mit der Kleinen Welt und mehr noch mit dem Treuen Eheweib zur Entfaltung kam, zu umschreiben versucht:
Ich kenne zur Zeit keinen Dichter, der es wie Britting vermag, die Unmittelbarkeit eines Mordes oder sonst eines stofflich ganz grellen Geschehens durch die Behutsamkeit und die Demut seiner Worte in das Festliche zu erhöhen. Staub wird Glanz, und der Bericht wird Märchen. (Velhagen & Klasings Monatshefte, 45, 1931, S.653 [August])
Die Rezeption von B.s neuer Sammlung suchte ein Werbetext des Verlages folgendermaßen zu steuern:
Volkstümliche Lustigkeit und erträumte Innerlichkeit verbinden sich mit fast unheimlich naher Naturhaftigkeit. Und das, was seinem Roman Lebenslauf eines dicken Mannes, der Hamlet hieß bei den Maßgebenden hohes Lob eingetragen hat: eine ganz ursprüngliche Fähigkeit, Menschen und Natur mit sprühendem Leben zu erfüllen, das spricht auch aus diesen neuen Geschichten und Gedichten, die sich in anmutigem Wechsel aneinanderreihen.
(Der Bücherwurm, 18, 1933 [Ende April], z. Umschlagseite)
Als B. am 24 Januar 1933 in Berlin vor der Fichte-Gesellschaft las, hielt aus diesem Anlaß Ernst Wiechert einenVortrag über B., den er zu den »größten und geschlossensten Begabungen« zählte, »die wir besitzen und die ausersehen sind, das zu verkünden, was not tut«. (E.W: Aus einer Rede vor der Fichte-Gesellschaft in: Deutsche Zeitschrift, 46, 1933, H.12, S.776-780 [September]; hier S.776) In einer eindringlichen Analyse widmete sich Wiechert der künstlerischen Technik von B.s Novellistik und betonte deren »unbestechliche Genauigkeit und ihre außerordentliche Gelassenheit«, und weiter (S.778):
Es scheint dem zu widersprechen, daß der Rhythmus des Brittingschen Stiles von ungeheurer Bewegtheit ist, von Spannung geladen, die inmitten des Satzes das Tempo, ja den Takt wechselt, die Beiwörter heranreißt, einen Augenblick festhält, sie wieder fortschleudert, weil ein Besseres plötzlich da ist. Aber mir scheint, daß die Wildheit des Suchens kein anderes Ziel hat als eben das Ziel der völligen Kongruenz zwischen innerer und äußerer Gestalt, und daß dahinter nur die Besessenheit des großen Künstlers steht, der niemals einer Täuschung zustimmen würde, und der jedes Gebilde ohne Erbarmen zerschlagen würde, das ihm nicht makellos erschiene. Diese Technik hat etwas zu Fürchtendes an sich, weil man hinter ihr die Augen sieht, denen nichts entgeht. Und sie hat deshalb auch etwas Grausames an sich, weil sie keine geborgten Schleier kennt. Sie verschweigt viel, aber, was sie für nötig hält.
Nach Erscheinen der Kleinen Welt am Strom konstatierte man eine »eigengeprägte dichterische Prosa« (Karl Ude, in: Der Mittag, 6.9.1933), sprach von »stimmungsgesättigten, sehr prägnant erzählten Anekdoten« (Erwin Ackerknecht, in: Bücherei und Bildungspflege, 13, 1933, H.4, S.32) und vom »wirklichen Dichter, dem im scheinbar kleinen Geschehen das Ganze der Welt sichtbar wird« (NS-Kurier, Stuttgart; zitiert nach Langen-Müller-Anzeigen in Prospekten); man lobte die ›klaren Bilder‹ und die ›reinen Töne‹ (Hannoversches Tageblatt, zit. nach Langen-Müller-Anzeigen in Prospekten) und die Plastizität der Schilderungen der Donaustadt Regensburg. Fritz Knöller erkannte »ein bukolisches Lied auf die Heimat«, das »echt deutsch in seiner Lyrik und Andachtsoffenheit« sei (Magdeburgische Zeitung, 21.4.1933), im Berliner Tageblatt sprach der Rezensent von ›grotesker‹ und ›phantastischer‹ Erzählweise (anonym; 16.4.1933), Otto Brües fühlte sich an »Hinter-Glas-Malereien« erinnert (Kölnische Zeitung, 10.8.1933) und Walther Erich Dietmann bemerkte, daß B.s Prosa ins Lyrische überginge (Die Neue Literatur, 34, 1933, H.7, S.4oo).
Alfons Hoffmann beschrieb in der Kölnischen Volkszeitung die Kleine Welt als einen »Lebenskreis« und fügte hinzu:
Die Gedichte haben etwas hell Sprühendes, Lockeres. Persönliche Stimmung ist nicht unmittelbar spürbar. In ihnen lebt ein Stück ungebrochener Natur. Die Prosa [...] ist rhythmisch knapp abgesetzt, spielt gern in der Wiederholung und zeigt ein blankes, plastisches Schilderungsvermögen.
 (Kölnische Volkszeitung; zit. n. Langen-Müller-Anzeigen in Prospekten)
Der Rezensent der Frankfurter Zeitung charakterisierte B. als Dichter »der Flußlandschaft«, lobte dessen »Anschaulichkeit«, monierte aber »unreine Reime«, nicht ohne im gleichen Atemzug zu bekennen: »aber diese Kühle
gegen Formalien hat ihren eigenen, unordentlichen, lyrischen Reiz« (EGW [wahrscheinlich: Erik G. Wickenburg], 18.6.1933). - Einige Rezensenten widmeten sich speziell den Gedichten: Carl Dietrich Carls sprach, in einem Oberblick über die neue Lyrik (Lyrik auf neuen Bahnen, in: Hamburger Nachrichten; zit. nach Kopie im Britting-Nachlaß) von »kleinen Wunderwelten« wie dem Gedicht Die kleine Welt in Bayern; an anderer Stelle, wo den Gedichten B.s konzediert wurde, sie seien »rhythmisch alle sehr eigenwillig und bestechend«, wurde als Fazit auf die beispielhafte »volkstümliche,volksmäßige Erlebnis- und Betrachtungsweise« hingewiesen (Willi Fehse, in: Magdeburgische Zeitung, 27.5.1933).
Während manche dem Nationalsozialismus nahestehende Autoren und Rezensenten wie Ludwig Friedrich Barthel die spezifischen Qualitäten B.s im Kontext der zeitgenössischen Literatur (später) erkannten (ders., Dichterköpfe der Gegenwart, in: Völkische Kultur, 3, 1935, S.26o-264), taten sich andere schwerer: Der Exponent völkisch-rassistischer Literaturgeschichtsschreibung, Adolf Bartels, kam bei einem Vergleich zwischen Hanns Johsts Mutter ohne Tod. Die Begegnung. Zwei Erzählungen mit B.s Kleiner Welt am Strom zu dem Ergebnis:
Diese Bändchen stehen in einem scharfen Gegensatz zu einander, obgleich sie beide Erinnerungen bringen: Johst erzählt gewichtig, Britting [...], noch wenig bekannt, schlichtweg. Aber die beiden Erzählungen von Johst sind auch wertvoll [...].
Dieses Prädikat mochte er B.s Erzählungen, die er auf »wundervolle Jungensgeschichten« reduzierte, nicht zubilligen
(Reclams Universum, 1933, H.43, S.1618 [27 Juli]).
Weit schärfer reagierte eine parteiamtliche Zeitschrift wie die »Nationalsozialistischen Monatshefte«. Dort hieß es: B.
ist zweifellos begabt und verfügt über eine gewisse Stimmungsgewalt. Hätte er um 1890 gelebt, so wäre er vielleicht einer der Großen der damaligen Dichtung geworden. Heute muß er uns durch seine Weltanschauung, die, soweit vorhanden, ein poetisch verklärter Zynismus ist, völlig fremd sein. Die Stoffe [...] haben ebenso wie sein ›Hamlet‹ alle etwas perverses: ob sich der Kuhhirte unflätig benimmt oder ein Fisch zu Tode gequält wird, ob ein Junge das ewige Licht in der Kirche ausbläst oder ob Britting eine Familie, deren Vater in Unehre kommt, wie Kaninchen umkommen läßt - all das zeigt nur die innere Hilflosigkeit dieses Schriftstellers, der weder in sich noch im Dasein ein Gesetz zu erkennen vermag.
(Nationalsozialistische Monatshefte [hg. v. A.Hitler], 4, 1933, H.38, S.47; wahrscheinlich von Thilo von Trotha)
Eine der ausführlichsten und bemerkenswertesten Besprechungen erschien in der Literarischen Welt (Nr.24, 16.6.1933, S-5), verfaßt von dem österreichischen Dichter Bruno Brehm. Er brachte B. zum einen in Verbindung mit jener malerischen Tradition, der dieser sich immer schon besonders verbunden gefühlt hatte, und zum anderen mit der großen deutschen Novellentradition:
[...] die Farben der Erzählung sind die gleichen, mit welchen schon die alten, großen Meister der Donauschule gemalt haben. Das silbrige, unruhige Weiß der Weiden Altdorfers, Wolf Hubers hängendes graugrünes Geäst und sein aufgerissener Himmel, der beiden Meister kräftiger Strich, mit dem die derben Gestalten umrissen sind! [...] Welch ein neuer Meister der Donauschule dieser Britting! [...] Die Geschichte: Hochwasser kann sich an die schönsten deutschen Geschichten von J.P Hebel und Kleist getrost anreihen.
Brehm endete seine Besprechung mit einem ungewöhnlichen Aufruf
Wenn ihr noch irgend einen nicht ganz verschütteten Sinn für deutsche Sprache und Gestaltung habt, dann lest, ich bitte euch, dieses eine schmale Bändchen und ihr werdet eine Stunde lang vollkommen glücklich sein. Lest es auch deshalb, weil es einer von unserem Stamm ist, den ihr hier kennen lernen sollt, weil da ein Dichter ist, auf den wir stolz sein können.
Solche Apologetik war freilich die Ausnahme (sieht man von B.s Freunden ab); vor allem in der Berliner bürgerlich-liberalen Presse gab man sich zurückhaltender: Repräsentativ dürfte hierfür die Vossische Zeitung sein, in der B. schlicht als »der neue bayrische Erzählern«  annonciert wurde (28.5.1933).
Die frühe Kanonisierung einzelner Texte der Kleinen Welt am Strom für den Schulunterrricht (vor allem von Der Franzose und das Ferkel, Brudermord im Altwasser und Lästerliche Tat) wurde eingeleitet von Theodor Langenmaier, der in seiner Übersicht Deutsches Schrifttum unserer Zeit (Bamberg: Buchner 1935, S.114)) B.s Bändchen zur Lektüre ab der 6.Klasse empfahl.

S.9 Der Strom
Dieses einleitende Gedicht scheint eigens für das Bändchen geschrieben worden zu sein.
Den Angaben B.s zur Entstehung seiner Texte folgend datiert Bode (S.59) das Gedicht zwar auf 1919/20, es taucht allerdings weder im Rechnungsbuch auf, noch ließen sich Drucke in Anthologien nachweisen (vgl. auch B.s Brief an Knöller vom 13.10.1938, in dem es heißt, die Gedichte des Irdischen Tags seien 1923-1935 entstanden. Für eine spätere Entstehung spricht auch, daß B. es erst 1938 in die »erweiterte« Neuauflage der für Langen-Müller repräsentativen Lyrikanthologie Das kleine Gedichtbuch. Lyrik von heute anstelle eines seiner anderen Gedichte einfügte. -
Zur Interpretation vgl. Walter Schmitz. ›Die kleine Welt am Strom‹: Georg Britting, ein Dichter aus Regensburg. In: Handbuch der Literatur in Bayern. Vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart. Geschichte und Interpretationen, hg. v. Albrecht Weber, Regensburg: Pustet 1987, S.493-501, hier S.493 u. 495.