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Georg Britting
Sämtliche
Werke - Prosa -
Herausgegeben von Wilhelm Haefs
Aus: »Die
Kleine Welt am Strom« Neu
erschienen bei Rimbaud ! [Okt.2006]
Der Franzose und das Ferkel
Im Jahre
1872, der Himmel war noch blauer damals, erzählte mein Onkel, und
die Donau grüner als heut, und die jetzt dicke, alte Bäume sind,
fett und narbig und knorrig, die bogen sich in jedem Wind, da begegnete
man in den Straßen unserer Stadt oft einem kleinen, schwarzkinnbärtigen
Herrn, und das war ein ehemaliger Unterfeldwebel des französischen
Heeres, Rancourt mit Namen. Der war im Krieg gefangen genommen worden,
in der Schlacht bei Sedan, so sprach man, und das Schicksal hatte ihn in
die Donaustadt verschlagen, und er hatte gefunden, daß die Donaustadt
eine schöne Stadt sei, und war geblieben auch nach Friedensschluß,
und trug noch lange zu seinem bürgerlichen Rock die mohnroten Hosen
des Soldaten. Ein gelbes, biegsames Stöckchen ließ er lustig
kreisen, und stand an der steinernen Brücke und sah den Anglern zu,
und sah zu, wie die selten, aber doch hin und wieder einmal, einen Silberfisch
aus dem Wasser holten. Und wir Kinder, sagte mein Onkel, wir blickten nicht
den Fisch an, ein Rotauge oder eine Brachse, die hatten wir oft gesehen,
wir blickten verstohlen auf die roten Hosen des Herrn Raucourt, auf sein
schmetterlinggelbes Wippstöckchen, und weil das alles, die flammenden
Hosen und der Ziegenbart und das bewegliche Stäbchen im Wasser noch
einmal sich darboten, so starrten wir voll heftiger Neugier auf die bunte
Spiegelung, um den Mann selber nicht allzudreist mustern zu müssen.
Und der Leiter der Bürgerschule der Stadt, in der man natürlich
auch die französische Sprache lehrte, war der Meinung,daß die
fremden, schweren Worte leichter auf die Zungenspitzen der Schüler
zu bringen seien, wenn ein echter, unzweifelhafter, lebendiger Franzose
das versuche dieser Bürgerschulleiter also stellte an den Herrn Unterfeldwebel
Rancourt das Ansinnen, einen Lehrposten für Französisch an der
Anstalt zu übernehmen. Der Herr Rancourt willigte gerne ein, kehrte
nicht mehr in sein Vaterland zurück, blieb bis an sein Lebensende,
und ging eifrig und auf ein wenig gebogenen Beinen durch die Krummgassen
der Donaustadt, immer noch aber das senffarbene, das schmetterlingsfarbene
Stöckchen wippend.
Das war damals, erzählte
mein Onkel, als es noch schöner war zu leben, und als dort noch grüne
Wiesen waren und eine Felsenkellerwirtschaft, wo heute das städtische
Pfandhaus steht, damals, als das braune Bier so dick und honigklebrig war,
daß, wer mit dem Ärmel am Verschütteten hängen blieb,
einen Stofflappen opfern mußte, um wieder loszukommen. Da lachte
mein Onkel, als er das erzählte, und sagte auch, daß der Mond,
wenn er an Juniabenden über dem Dom emporstieg, so groß gewesen
sei wie ein Wagenrad, zum Fürchten groß, und seiner Schätzung
nach mindestens doppelt so groß als heute.
Da lachten wieder wir,
und glaubten es nicht, und forderten ihn auf, heute, am Abend, zur Stunde
des Mondaufgangs, mit uns vor die Stadt zu gehen und mit uns zu warten,
bis die gelbe Scheibe aus der dampfenden Abendebene zwischen Hügelrücken
und roten Kaminen sich emporarbeiten würde, und dann im Angesicht
des glühpunschfarbigen Lichtträgers, ja, Aug in Aug mit ihm,
seine Rede zu wiederholen.
Um wieder auf diesen Rancourt
zu kommen, sagte aber mein Onkel, so hatte der säbelbeinige Mensch
sich so bei uns eingewöhnt, daß es wahrhaft zum Staunen war.
Er trank bald mehr Bier als irgendein Ortsansässiger und aß
im Wirtshaus Kalbsbraten mit Kartoffelsalat und schwärmte für
Leberknödel und Grießnockerln. Er lernte auch deutsch zu sprechen,
aber er brauchte sehr lang dazu, und jahrelang radebrechte er es in der
entsetzlichsten Weise.
Nun war damals jeden Mittwoch
in der Wahlenstraße Spanferkelmarkt. Da kamen die Bauern und Bäuerinnen
aus der Umgebung und brachten in Körben die quiekenden
Tiere. Die waren meist rosafarben
und wunderlieblich behaart, manche auch waren schwarz, und besonders schön
ist es, wenn ein Ferkel um die Schultern herzförmig schwarz ist, während
das Hinterteil bis zur Schwanzmitte gelbweißbeflaumt schimmert und
die Schwanzspitze lustig und unerwartet wieder teufelsmäßig
dunkel sich ringelt. Die Käufer packten das Tier bei einem Fuß
und hoben es hoch, daß es laut aufschrie und den prallen, runden
Leib hin und her warf, und mindestens fünfzehn hob man auf und beschaute
sie, bis man sich zum Kauf von einem entschloß, so daß es an
den Markttagen ziemlich laut herging in der Wahlenstraße. Es roch
auch ganz besonders in der Straße und auch noch in den Nebenstraßen
an diesen Mittwochvormittagen, gut eigentlich, so nach Stall und Stroh,
und recht gesund.
Und damals, fuhr mein
Onkel fort, als natürlich noch keine Straßenbahn durch die Stadt
mit grellen Glocken läutete, nur Bauernschlitten an Wintertagen durchs
Jakobstor klingelten, damals traf man oft Buben und Dienstmädchen,
auch wohl den Hausvater selber, wie sie vom Bäcker kommend, schmale
Bretter auf den Schultern trugen. Die waren von der Backofenhitze angeröstet,
hatten schwärzliche Rillen davon, und auf die Bretter waren genagelt
die gebratenen Ferkel. Sie lagen auf dem Bauch, wie spielend alle Viere
von sich, und den schmalen, listigen, lustigen Kopf dicht auf das Holz
geduckt und schwebten so hochgetragen strahlend dahin. Sieht man das heute
noch? murrte mein Onkel. Aber dann lächelte er und erzählte weiter:
Der Rancourt nun wollte natürlich auch einmal sein Spanferkel haben
und fand sich also in der Wahlenstraße ein, ahmte die anderen Käufer
nach, hob Ferkel nach Ferkel am Bein hoch, sah lachend auf die Quietschenden
herab und ließ sie wieder in den Korb fallen, wo die Tiere, weiter
schimpfend, sich ins Stroh zu den Kameraden schmiegten, tief und aufgeregt
atmend. Schon das siebente oder achte gefiel ihm ausnehmend, er fragte,
mehr mit den Händen als mit Worten, nach dem Preis, zahlte und nahm
das Tier zärtlich auf die Arme, um es zum Metzger zu tragen. Es lag
so rosig auf seinen Ärmeln, daß er der Versuchung nicht widerstand,
es zu streicheln, aber das bekam ihm schlecht. Das Ferkel zappelte wütend,
er stolperte, fiel, das Tier war frei und hell rufend raste es davon, Ringelschwanz
hoch, schnell wie der Blitz, ohne sich umzusehen. Der Herr Rancourt lief
hinterdrein, feurigen Auges, säbelbeinig, und das Ferkel war schon
um die nächste Ecke. Der Franzose fluchte, fluchte alle gewalttätigen
und abscheulichen Flüche seiner Soldatenzeit, bog um den Prellstein,
war in der Seitengasse, aber das Ferkel war nicht mehr zu sehen. Quiekte
es nicht fern zärtlich und lockend und höhnisch? Aber zu erblicken
war es nicht, nur ein Dienstmädchen kam ihm entgegen. Er wollte es
fragen, ob es dem Ausreißer nicht begegnet wäre, aber damals,
1872, da war er erst knapp über ein Jahr in der Stadt und konnte nur
wenig Deutsch, und er war auch zu aufgeregt, um sich die Frage sauber zurechtzulegen,
und so schrie er zappelnd, mit drehenden, malenden, erklärenden Handbewegungen
ergänzend, was ihm an Worten fehlte, so trompetete er aufgeregt der
Dienstmagd etwas zu und das war so: »Fräulein, aben Sie nicht
gesehen kleine Person, vorne oi, oi, hinten dirrididldi?«
Es steckte eine schöne
und kräftige und sehr anschauliche und einprägsame Beschreibung
des flüchtigen Rosatieres in den Worten, aber die Magd verstand sie
trotzdem nicht gleich, die schwerfällige Person begriff erst später
den Sinn, aber da hatte er das Ferkel schon wieder gefunden, das sich in
einen Hausflur geflüchtet hatte.
Aber die Stadt, Gott,
wie anspruchslos war sie damals, sie freute sich noch lange über die
Sprachkünste des Ferkeljägers! Oh, wie er das Ringelschwänzchen,
das ewig bewegliche, geschildert hatte, das lustige, das keck und naseweismutig
wie ein fleischerner Lerchentriller war, das sang, ja, sang, wers zu hören
verstand, überwältigend dummdreist und unverfroren das Lied dirrididldi!
Und oi, oi quiekte die Schnauze, der Rosarüssel, tiefer im Ton als
die Schwänzchenflöte, die biegsame, helle.
Und, sagte mein Onkel,
er hat später noch oft Kalbsbraten mit Kartoffelsalat und Leberknödelsuppe
gegessen, der Herr Rancourt, und auch Spanferkel und lernte auch noch regelrichtig
Deutsch und wurde sogar Professor.
Aber als er so weit war
und die fremde Sprache, wie man so übertreibend sagt, beherrschte,
drückte er sich in ihr so richtig und nüchtern aus, wie wir das
alle tun, in langweiligen und trockenen Sätzen ohne Klang und Glanz,
glatt und ohne Stockung redend, wie Wasser von der Röhre läuft,
und nie wieder, natürlich, ist ihm ein so schönes Gedicht gelungen
wie das Ferkelgedicht. Das gelingt auch uns allen nur, die wir keine Dichter
sind, solange wir Kinder sind, denn wie ein Kind, süß lallend,
irrte der erwachsene französische Mann damals taumelnd im Dunkel des
mächtigen, zauberischen Sprachurwalds, und nur im geheimnisreichen
Dämmern ist dem Gedichte wohl.
Mein Onkel hatte sich
in
die Ecke des Zimmers zurückgezogen, in den schwarzen Ledersessel,
der dort stand, wer weiß, wie lange schon? Die Dämmerung wollte
schon kommen, draußen, wo die alte Stadt lag mit den vielen Türmen,
wo der Strom floß, der grüne, der rauschende.
Und, sagten wir, du glaubst,
daß damals der Mond größer und gelber war? Geh heut abend
mit uns auf die Donauinsel, heut abend um acht Uhr kommt er, der gelbe
Wanderer, sieh ihn dir an!
Ja, sagte mein Onkel,
der Mond, der vielleicht, aber das Bier?
S.io Der Franzose und das Ferkel
Erschien zuerst u.d.T. Erinnerung in: Berliner Tageblatt, Nr.615,
30.12.1926;
dann vielfach nachgedruckt.
U.d.T Das Ferkelgedicht zuerst erschienen in: Münchner
Neueste Nachrichten, Nr.24o, 4.9.1932. Diesen Titel zog B. später
vor (an Bemt von Heiseler, 7.3.1950), und so benannt wurde der Text auch
seit 1945 häufig abgedruckt,
ebenfalls in -E I, S.57-62.
Der Druck im Berliner Tageblatt weist gegenüber der späteren
Buchfassung einige Abweichungen auf:
S.io, Z.gf: und das Schicksal [...] verschlagen Fehlt in E.
S.io, Z.11-13: und war geblieben [...] Hosen des Soldaten. Fehlt in
E.
S. 10, Z.21-26: Wippstöckchen [...] mustern zu müssen. E:
Wippstöckchen und sahen das alles, die flammenden Hosen und den Ziegenbart
und das bewegliche Stäbchen im Wasser gespiegelt, und so sahen wir
aufmerksam und unverwandt die bunte Spiegelung an, wenn wir uns scheuten,
den Mann selber allzu dreist anzustarren.
S. io, Z.33 - S.1 1, Z.2: Der Herr Rancourt willigte [...] Lebensende
E: Der Herr Rancourt tat's, und blieb auch nach Friedensschluß, und
blieb bis zu seinem Tode
S.11, Z.9: Pfandhaus E: Schlachthaus
S.11, Z.32: Weise. E.: Weise. Wie es mit seinem Unterricht bestellt
war, weiß ich nicht. Aber er war ein Franzose und konnte Französisch,
da wird er wohl geeignet gewesen sein, den Schulbuben seine eigene Muttersprache
beizubringen.
S.11, Z.34: Da kamen E: Da kommen Und weiterhin der Absatz im Präsens
statt im Präteritum.
S.12, Z.1-3: Die waren [...] schön ist es E: Die sind so wunderlich
flachsgelb behaart, manche auch schwarz, manche zeigen auch beide Farben,
und das ist besonders schön
S.12, Z.i9: klingelten, damals E: klingelten, damals, im Frühjahr
und im Herbst, mittags und so gegen fünf Uhr abends
S.12,Z.22f.: schwärzliche Rillen E: braune Rillen
S.12, 2.23f: und auf die Bretter [...] Sie lagen E: und auf den Brettern
waren aufgenagelt die braunlackierten, gebratenen Ferkel, die lagen
S.12, Z.32: die Quietschenden E: das Quietschende Im folgenden entsprechend
stets Singular.
S.13, Z.5-7: Das Ferkel zappelte wütend [...] hell rufend E: Das
Ferkel zappelte wütend, es rutschte, das Tier war schon auf dem Boden,
und hell quiekend
S.13, Z.2o-23: schrie er [...] das war so E: schrie er, sinnlos weiter
stürzend, der Dienstmagd etwas zu, und der schöne Satz war dann
tagelang das Vergnügen der Stadt, und so schrie er
S.13, Z.32f: Sprachkünste des Ferkeljägers! E: Sprachkünste
des feurigen Unterfeldwebels und Lehrers.
S.14, Z.9-2o: Der Abschnitt fehlt in E.
Den Äußerungen des Onkels ähneln Erinnerungen B.s:
»Vor 1914, da war Bayern ein Paradies« (an Wetzlar, 22.7.1946;
vgl. 18.4.1947) und: »In meiner Jugend trank man [...] nur dunkles
Bier, süß und klebrig. « (Hohoff, S.68)
Vgl. zu diesem Text auch B.s Regensburger Bilderbögen von 1911
und die Prosaskizze Regensburg von 1925 (Bd.I).
S.16 Der unflätige Hirte
Zuerst erschienen in: Jugend, 36, 1931, S.564f: [1.September].
Aufgrund der recht derben, drastischen Schilderung scheint der Text
sonst nicht mehr gedruckt worden zu sein.
S.24 Hochwasser
Zuerst erschienen mit einigen Varianten u.d.T: Zwei Männer
rechnen ab in: Uhu. 9, 1933, H.5, S.95-97 [Februar]. [E]
Darin heißt es abweichend von:
S.24, Z.21: vor das Lager seiner Frau, schüttelte sie E: vor das
Bett seiner Frau, kniff wie ein Jäger ein Auge zu und durchspähte
forschend das gerötete Gesicht der Tiefschlafenden, suchte etwas in
dem Gesicht, fand aber nichts, knurrte, murrte, rüttelte heftig die
Frau
S.24, Z. 27: Die Frau ging E: Die Frau wollte eine Widerrede wagen
zuerst, unterließ es aber, als sie sein Gesicht sah, ging
S.25, 2.26: Kein wahres Wort sei an dieser Beschuldigung Fehlt in E.
S.25, Z.31f: und Hahaha! [...] in der Falle. Fehlt in E.
S.26, Z.32-33: keineswegs. Aber [...] Verbrechen E: keineswegs, das
ginge zu weit. Aber dabei habe er ihr doch nichts abgebissen, versuchte
er zu scherzen
Eine frühe, erheblich straffere erste Fassung erschien in: Simplicissimus,
27, 1922, S.94 [17.Mai]. Sie ist knapper in den Formulierungen bis zur
lakonischen Kürze, pointierter, angepaßt einem Schreibstil,
wie er in Zeitschriften von der Art des Simplicissimus gängig war
(vgl. dazu auch die 1923 und 1924 ebenfalls im Simplicissimus erstveröffentlichten
Fassungen von Das Haus zur heiligen Dreifaltigkeit und Die Windhunde
[u.d.T Die Windspiele], die ähnliche Stilbesonderheiten aufweisen).
Es fehlt noch völlig die für B.s späteren Erzählgestus
typische sprachliche Verdichtung und ›gedehnte‹ Struktur der Sätze.
Eine zweite überarbeitete Fassung erschien 1927 in Michael
und das Fräulein (S.95-1o1). Sie zeigt B. auf dem Weg zur Ausweitung
und Differenzierung der Erzählform (vgl. S.486 zu Donaufischer
und Mädchenhändler).
Als anschauliches Beispiel für die Stilentwicklung B.s sei der
Schluß von Hochwasser (S.27, Z.19-S.29, Z.5) in den frühen Fassungen
von 1922 und 1927 synoptisch wiedergegeben:
[…]
schaukelte im Boot. Heinrich fuhr
fort: Es sei öfter als einmal gewe-
sen. Na ja, die Versuchung. Er sei
auch nur aus Fleisch. Aber so oft,
wie Jakob sich das denke, so oft
sei's wahrhaftig nicht gewesen. Er
solle ihm doch verzeihen und ihn
jetzt ins Boot lassen.
Jakob sagte ihm ins Gesicht, daß er
sterben müsse. Er solle jede Hoff-
nung aufgeben. In einer Stunde sei
das Wasser so weit. Er bliebe, um
zuzusehen, wie Heinrich verrecke.Jakob sagte ihm ins Gesicht, daß er
sterben müsse. Er solle jede Hoff-
nung aufgeben. In einer Stunde sei
das Wasser so weit. Er bliebe um zu
sehen, wie Heinrich vergurgle und
verrecke.
Heinrich verlegte sich aufs Betteln.
Er weinte, schrie, heulte, fluchte.
Auf einmal verschwand er im In-
nern des Hauses. Jakob beobachte-
te es unruhig.
Der in seinem eigenen Haus Gefan-
gene verlegte sich aufs Bitten, auf
Betteln, aufs Jammern. Aber Jakob
beachtete ihn gar nicht mehr, sah
zu, wie die Wellen sich gegen die
Bootsspitze warfen, als ob allein
das noch seine Aufmerksamkeit
fesseln könne, hörte gar nicht mehr
auf den ehebrecherischen Mann,
der nun laut weinte, dann schrie,
dann fluchte und heulte.
Auf einmal, der Gefangene hatte
aufgehört zu schimpfen und die
beiden stummen Männer hatten
sich minutenlang ins Auge gese-
hen, unbeweglich, und Heinrich
hatte wohl im Blick seines Richters
die Unerschütterlichkeit des Ur-
teilsspruches gelesen, auf einmal
trat Heinrich vom Fenster zurück,
ins Haus zurück, verschwand. Un-
ruhig beobachteteJakob den Rück-
zug des Verurteilten.
Es verstrich vielleicht eine Viertel-
stunde. Da erschien Heinrich wie-
der am Fenster, das in kleinen
Schlucken schon vom Wasser
trank. Er hatte die Uniform des
Infanterieregiments angelegt, in
dem er gedient.Der Helm deckte seinen Kopf. Auf
der Brust blitzten die Orden. Den
Säbel, er war Vizefeldwebel, hatte
er umgeschnallt.
Ohne ein Wort zu sprechen, lehnte
er am Fensterbalken. Seine Miene
drückte aus, er wolle den Tod als
Soldat ohne Furcht und Zittern
erwarten. .
Es verging wohl eine Viertelstunde,
und es war Jakob, als ob das schwei-
gende Haus unter dem Ansturm des
Wassers erbebe. Da erschien Heinrich
wieder am Fenster. Ertrug die Uniform
des Infanterieregiments, in dem er
gedient, in dem er den Krieg mitgemacht
hatte. Er trug die helle, blaue, bayerische
Friedensinfanterieuniform, trug den Helm
mit der blitzenden Spitze auf dem Kopf,
auf seiner Brust schaukelten Orden, das
bayerische Militärverdienstkreuz und das
eiserne Kreuz, schaukelten, klirrten leise,
hingen dann stumm. Den Säbel, er war
Vizefeldwebel gewesen, hatte er umge-
schnallt. Ohne ein Wort zu sprechen,
lehnte er am Fensterkreuz. Er schenkte
Jakob keinen Blick, er tat, als sei dieser
nicht vorhanden, und seine Miene drückte
aus, er wolle den Tod als Soldat und brav
und ohne Furcht und Zittern erwarten.
Jakob sah ihn bestürzt an. Dann
wußte er nicht, war es Bewunde-
rung, die er für Heinrich fühlte,
oder sollte er über ihn lachen.
Er löste die Kette, trieb das Boot
zum Fenster.
Heinrich stieg ein, und Jakob
ruderte ihn zur Stadt.Jakob sah ihn bestürzt an. Der kriegerische
Mann am Fenster rührte sich nicht. Gewaltig
floß die Donau. Da löste Jakob, und er wußte
nicht, ob er weinen sollte, ob er lachen sollte,
ob er Bewunderung fühlen sollte für seinen
Gegner, da löste Jakob die Kette vom Baum
und trieb das Boot zum Fenster. Der blaue
Soldat salutierte, stieg ein, setzte sich auf die
Bank am Bootsende, wie ein Ehrengast, wie
ein vornehmer Herr und General, und Jakob
ruderte ihn eilig und still über die gelbschäumende
Wasserfläche zur Stadt.
DRUCKNACHWEISE UND ANMERKUNGEN
Die kleine Welt am Strom (1933)
Erstausgabe: Die kleine Welt am Strom, München: Albert Langen/Georg Müller 1933 (= Die kleine Bücherei, Nr. 15). [1-5.Tsd.l 6o S. Pappband. Auflagenentwicklung: 6.-10.Tsd. 1933; 11.-15.Tsd. 1936; 16.- 20.Tsd. 1940; 21. 25.Tsd. 1944 26-30.Tsd. 1942; 31.-50.Tsd. 1943 (= Feldpostausgabe).
Im wohlkomponierten Wechsel von Gedichten und Geschichten (sieben Erzählungen
stehen acht Gedichte gegenüber; der Band beginnt und endet jeweils
mit einem Gedicht, das programmatisch zu verstehen ist) sind Texte versammelt,
die seit 1922 entstanden und größtenteils auch gedruckt worden
sind.
Bei den Erzählungen Hochwasser und Das Haus zur
heiligen Dreifaltigkeit handelt es sich um umgearbeitete Fassungen
von zuvor unter den gleichen Titeln im Novellenband Michael und das
Fräulein erschienenen Texten; die beiden Gedichte Die Kapelle
und
Die
kleine Welt in Bayern (zunächst u.d.T. Pfingstmorgen) von
1924 und 1927 hatte B. in seine erste Lyriksammlung Gedichte von 1930 aufgenommen;
die programmatische Kleine Welt in Bayern stand 1932, neben anderen
Gedichten B.s, in der für die neue Naturlyrik der Jahre um 1930 zentralen
Anthologie Mit allen Sinnen (hg. von C.D.Carls und A.Ullmann, Berlin: Rembrandt
Verlag).
Die Gedichte aus der Kleinen Welt am Strom nahm B. dann unverändert
in seine erste große Lyriksammlung Der irdische Tag (1935)
auf. Die Sammlung selbst wurde bis Ende des Krieges vertrieben. Danach
dauerte es eine Zeitlang, wegen der Lizenzverweigerung der amerikanischen
Militärregierung für Langen-Müller, bis das Bändchen,
B.s erfolgreichste Veröffentlichung, bei einem neuen Verlag wieder
herauskam. Nachdem die Nymphenburger Verlagshandlung unter ihrem Leiter
Curt Vinz Interesse an einer Neuauflage bekundet hatte, machte sich B.
Gedanken über die Möglichkeit, den Band zu erweitern. An Jung
schrieb er am 22.10.1951:
Ich werde ihnen nun vorschlagen, die Kleine Welt unter neuem Titel und vermehrt um Tauschgeschäfte, Afrikanische Elegie, Fliederbäumchen und Donaufischer und Mädchenhändler zu bringen. Wenn ihnen das nicht zu viel ist! Dann geschähe, wozu Sie mich manchmal gemahnt haben, meine Donaujugendgeschichten in einem Band heraus zu geben [...1 Wissen Sie einen Titel? Mindestens im Untertitel muß bayerisch vorkommen.Diese Neukonzeption kam allerdings nicht zustande. B. bezweifelte, daß »sich die kleinen Weltgeschichten stilistisch mit den neuen und ruhigeren Geschichten« vertrügen (an Jung, 29.10.1951); vor allem die Afrikanische Elegie, welche die Nymphenburger Verlagshandlung dann 1952 gesondert veröffentlichte, hätte Rahmen und Konzeption der Kleinen Welt gesprengt. So erschien die Neuausgabe im März 1952 nur wenig verändert, mit einem illustrierten Umschlag, gestaltet nach einer älteren Zeichnung Alfred Kubins, die eigentlich nicht ganz zu B.s Kleiner Welt paßte: sie zeigt einen Jungen in einem durch Schilf gleitenden Boot vor einem Bergpanorama.
Das kleine Donaubuch erschien mir auf einmal wunderbar passend für Ihre geplante kleine Reihe. Es sind Prosaarbeiten, Jugenderinnerungen zum Teil, auch eine Erzählung, durch Gedichte verbunden, alle in der von mir geliebten Atmosphäre des Donautals. Und wenn ich mir denke, daß auf dem Umschlag oder auf der Titelseite ein Holzschnitt von Altdorfer oder eine der köstlichen Donaulandschaften von Wolf Huber steht, so ergäbe das eine Einheit, die mein Herz erfreut - und vielleicht auch das Ihre! [...] Ich hab es übrigens nicht etwa eilig mit der Publikation, sie mag getrost erst bei der zweiten oder dritten Abteilung der Reihe vorhanden sein. Das Manuskript ist nicht ganz fertig, Wiederholungen in der Prosa müssen gestrichen werden, Sie werdens merken, einzelne Gedichte können durch andre ersetzt werden, und, vielleicht, läßt man besser den unflätigen Hirten ganz weg. Ich hätt auch was anderes für ihn, aber vielleicht ist es so schon zu umfangreich.(Deutsche Staatsbibliothek, Berlin/DDR; Nachlaß R. Geheeb)
Buchhändlerisch scheint mir der Plan auch nicht schlecht zu sein. Es ist eine bayerische Angelegenheit, und sowas ist hierzulande nicht unbeliebt. Es ist, hoff ich, nicht Autoreneitelkeit, was mich treibt. Aber mir ist so merkwürdig wohl, wenn ich mir das kleine Buch vorstelle.
Ich kenne zur Zeit keinen Dichter, der es wie Britting vermag, die Unmittelbarkeit eines Mordes oder sonst eines stofflich ganz grellen Geschehens durch die Behutsamkeit und die Demut seiner Worte in das Festliche zu erhöhen. Staub wird Glanz, und der Bericht wird Märchen. (Velhagen & Klasings Monatshefte, 45, 1931, S.653 [August])Als B. am 24 Januar 1933 in Berlin vor der Fichte-Gesellschaft las, hielt aus diesem Anlaß Ernst Wiechert einenVortrag über B., den er zu den »größten und geschlossensten Begabungen« zählte, »die wir besitzen und die ausersehen sind, das zu verkünden, was not tut«. (E.W: Aus einer Rede vor der Fichte-Gesellschaft in: Deutsche Zeitschrift, 46, 1933, H.12, S.776-780 [September]; hier S.776) In einer eindringlichen Analyse widmete sich Wiechert der künstlerischen Technik von B.s Novellistik und betonte deren »unbestechliche Genauigkeit und ihre außerordentliche Gelassenheit«, und weiter (S.778):
Die Rezeption von B.s neuer Sammlung suchte ein Werbetext des Verlages folgendermaßen zu steuern:
Volkstümliche Lustigkeit und erträumte Innerlichkeit verbinden sich mit fast unheimlich naher Naturhaftigkeit. Und das, was seinem Roman Lebenslauf eines dicken Mannes, der Hamlet hieß bei den Maßgebenden hohes Lob eingetragen hat: eine ganz ursprüngliche Fähigkeit, Menschen und Natur mit sprühendem Leben zu erfüllen, das spricht auch aus diesen neuen Geschichten und Gedichten, die sich in anmutigem Wechsel aneinanderreihen.
(Der Bücherwurm, 18, 1933 [Ende April], z. Umschlagseite)
Es scheint dem zu widersprechen, daß der Rhythmus des Brittingschen Stiles von ungeheurer Bewegtheit ist, von Spannung geladen, die inmitten des Satzes das Tempo, ja den Takt wechselt, die Beiwörter heranreißt, einen Augenblick festhält, sie wieder fortschleudert, weil ein Besseres plötzlich da ist. Aber mir scheint, daß die Wildheit des Suchens kein anderes Ziel hat als eben das Ziel der völligen Kongruenz zwischen innerer und äußerer Gestalt, und daß dahinter nur die Besessenheit des großen Künstlers steht, der niemals einer Täuschung zustimmen würde, und der jedes Gebilde ohne Erbarmen zerschlagen würde, das ihm nicht makellos erschiene. Diese Technik hat etwas zu Fürchtendes an sich, weil man hinter ihr die Augen sieht, denen nichts entgeht. Und sie hat deshalb auch etwas Grausames an sich, weil sie keine geborgten Schleier kennt. Sie verschweigt viel, aber, was sie für nötig hält.Nach Erscheinen der Kleinen Welt am Strom konstatierte man eine »eigengeprägte dichterische Prosa« (Karl Ude, in: Der Mittag, 6.9.1933), sprach von »stimmungsgesättigten, sehr prägnant erzählten Anekdoten« (Erwin Ackerknecht, in: Bücherei und Bildungspflege, 13, 1933, H.4, S.32) und vom »wirklichen Dichter, dem im scheinbar kleinen Geschehen das Ganze der Welt sichtbar wird« (NS-Kurier, Stuttgart; zitiert nach Langen-Müller-Anzeigen in Prospekten); man lobte die ›klaren Bilder‹ und die ›reinen Töne‹ (Hannoversches Tageblatt, zit. nach Langen-Müller-Anzeigen in Prospekten) und die Plastizität der Schilderungen der Donaustadt Regensburg. Fritz Knöller erkannte »ein bukolisches Lied auf die Heimat«, das »echt deutsch in seiner Lyrik und Andachtsoffenheit« sei (Magdeburgische Zeitung, 21.4.1933), im Berliner Tageblatt sprach der Rezensent von ›grotesker‹ und ›phantastischer‹ Erzählweise (anonym; 16.4.1933), Otto Brües fühlte sich an »Hinter-Glas-Malereien« erinnert (Kölnische Zeitung, 10.8.1933) und Walther Erich Dietmann bemerkte, daß B.s Prosa ins Lyrische überginge (Die Neue Literatur, 34, 1933, H.7, S.4oo).
Die Gedichte haben etwas hell Sprühendes, Lockeres. Persönliche Stimmung ist nicht unmittelbar spürbar. In ihnen lebt ein Stück ungebrochener Natur. Die Prosa [...] ist rhythmisch knapp abgesetzt, spielt gern in der Wiederholung und zeigt ein blankes, plastisches Schilderungsvermögen.Der Rezensent der Frankfurter Zeitung charakterisierte B. als Dichter »der Flußlandschaft«, lobte dessen »Anschaulichkeit«, monierte aber »unreine Reime«, nicht ohne im gleichen Atemzug zu bekennen: »aber diese Kühle
(Kölnische Volkszeitung; zit. n. Langen-Müller-Anzeigen in Prospekten)
Diese Bändchen stehen in einem scharfen Gegensatz zu einander, obgleich sie beide Erinnerungen bringen: Johst erzählt gewichtig, Britting [...], noch wenig bekannt, schlichtweg. Aber die beiden Erzählungen von Johst sind auch wertvoll [...].Dieses Prädikat mochte er B.s Erzählungen, die er auf »wundervolle Jungensgeschichten« reduzierte, nicht zubilligen
ist zweifellos begabt und verfügt über eine gewisse Stimmungsgewalt. Hätte er um 1890 gelebt, so wäre er vielleicht einer der Großen der damaligen Dichtung geworden. Heute muß er uns durch seine Weltanschauung, die, soweit vorhanden, ein poetisch verklärter Zynismus ist, völlig fremd sein. Die Stoffe [...] haben ebenso wie sein ›Hamlet‹ alle etwas perverses: ob sich der Kuhhirte unflätig benimmt oder ein Fisch zu Tode gequält wird, ob ein Junge das ewige Licht in der Kirche ausbläst oder ob Britting eine Familie, deren Vater in Unehre kommt, wie Kaninchen umkommen läßt - all das zeigt nur die innere Hilflosigkeit dieses Schriftstellers, der weder in sich noch im Dasein ein Gesetz zu erkennen vermag.Eine der ausführlichsten und bemerkenswertesten Besprechungen erschien in der Literarischen Welt (Nr.24, 16.6.1933, S-5), verfaßt von dem österreichischen Dichter Bruno Brehm. Er brachte B. zum einen in Verbindung mit jener malerischen Tradition, der dieser sich immer schon besonders verbunden gefühlt hatte, und zum anderen mit der großen deutschen Novellentradition:
(Nationalsozialistische Monatshefte [hg. v. A.Hitler], 4, 1933, H.38, S.47; wahrscheinlich von Thilo von Trotha)
[...] die Farben der Erzählung sind die gleichen, mit welchen schon die alten, großen Meister der Donauschule gemalt haben. Das silbrige, unruhige Weiß der Weiden Altdorfers, Wolf Hubers hängendes graugrünes Geäst und sein aufgerissener Himmel, der beiden Meister kräftiger Strich, mit dem die derben Gestalten umrissen sind! [...] Welch ein neuer Meister der Donauschule dieser Britting! [...] Die Geschichte: Hochwasser kann sich an die schönsten deutschen Geschichten von J.P Hebel und Kleist getrost anreihen.Brehm endete seine Besprechung mit einem ungewöhnlichen Aufruf
Wenn ihr noch irgend einen nicht ganz verschütteten Sinn für deutsche Sprache und Gestaltung habt, dann lest, ich bitte euch, dieses eine schmale Bändchen und ihr werdet eine Stunde lang vollkommen glücklich sein. Lest es auch deshalb, weil es einer von unserem Stamm ist, den ihr hier kennen lernen sollt, weil da ein Dichter ist, auf den wir stolz sein können.Solche Apologetik war freilich die Ausnahme (sieht man von B.s Freunden ab); vor allem in der Berliner bürgerlich-liberalen Presse gab man sich zurückhaltender: Repräsentativ dürfte hierfür die Vossische Zeitung sein, in der B. schlicht als »der neue bayrische Erzählern« annonciert wurde (28.5.1933).
S.9 Der Strom
Dieses einleitende Gedicht scheint eigens für das Bändchen
geschrieben worden zu sein.
Den Angaben B.s zur Entstehung seiner Texte folgend datiert Bode (S.59)
das Gedicht zwar auf 1919/20, es taucht allerdings weder im Rechnungsbuch
auf, noch ließen sich Drucke in Anthologien nachweisen (vgl. auch
B.s Brief an Knöller vom 13.10.1938, in dem es heißt, die Gedichte
des Irdischen Tags seien 1923-1935 entstanden. Für eine spätere
Entstehung spricht auch, daß B. es erst 1938 in die »erweiterte«
Neuauflage der für Langen-Müller repräsentativen Lyrikanthologie
Das kleine Gedichtbuch. Lyrik von heute anstelle eines seiner anderen Gedichte
einfügte. -
Zur Interpretation vgl. Walter Schmitz. ›Die kleine Welt am Strom‹:
Georg Britting, ein Dichter aus Regensburg. In: Handbuch der Literatur
in Bayern. Vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart. Geschichte und Interpretationen,
hg. v. Albrecht Weber, Regensburg: Pustet 1987, S.493-501, hier S.493 u.
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