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    Sekundärliteratur
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Ingeborg Schuldt-Britting

Sankt-Anna-Platz 10
Erinnerugen an Georg Britting
und seinen Münchner Freundeskreis

286 Seiten

Das Buch wird von uns zum Sonderpreis für 13,50 € zzgl. Porto und Verpckung geliefert. 

Dietrich Bode

Georg Britting
Geschichte seines Werkes
(167 Seiten)
Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Friedrich Sengle

MCMLXII

Das Buch kann über unser Antiquariat (verlagsfrisch) zum Sonderpreis für 18,50 € 
zzgl. Porto und Verpckung, bezogen werden
Georg Britting 
1891 – 1964
– Almanach –
Zum Erscheinen einer neuen 
fünfbändigen Werkausgabe 
herausgegeben von Walter Schmitz 
Süddeutscher Verlag, München. 1987
(Vergriffen)
"Georg Britting [1891 – 1964] 

Vorträge des Regensburger Kolloquiums 1991"

herausgegeben von Bernhard Gajek/Walter Schmitz 

Peter Lang Verlag; 1993 [221 Seiten}
Das Buch kann über unser Antiquariat (verlagsfrisch) zum Sonderpreis für 4,50 € 
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Ihre www.Britting.com
Höhenmoos, 29.Mai 2005



 
 
 
 
 
 
 


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Kindler-Rezension zum Roman „Lebenslauf eines dicken Mannes, der Hamlet hieß“:
Kindlers neues Literaturlexikon
 
 

Roman von Georg Britting, erschienen 1932. - Der Roman bietet keinen fortlaufenden Geschehenszusammenhang, sondern entsteht aus einer Reihe von acht in sich abgeschlossenen, nur locker aufeinander bezogenen Episoden, deren einziges Kontinuum die Person des »fetten Dänenprinzen«, eine eigenwillige Verfremdung der Hamlet-Gestalt Shakespeares, bildet. Ophelia, »das weißgekleidete Mädchen mit dem honiggelben Haupt«, ertränkt sich im Weiher neben dem Landhaus, weil ihr Gemahl Hamlet sie vernachlässigt: »Seit der Geburt des Kindes, mein Prinz, hast du mich nicht mehr berührt« (Das Landhaus). - Die Begegnung zwischen Hamlet und den Hofdamen vollzieht sich nach den steifen Gepflogenheiten des höfischen Lebens wie ein Maskenspiel, das die Lebensskepsis Hamlets ständig nährt (Die Hofdamen). - Die Kapitel Im Feldlager, hinten und Im Feldlager, vorn zeigen Hamlet als innerlich distanzierten, aber erfolgreichen Feldherrn. In der Schlacht um Arngeb und Sönheim gibt der Prinz den von ihm gegen die Norweger geführten Truppen, ohne eigentlich zu wissen, warum, den Befehl zum Angriff von der Venskaschanze aus:
» lächelnd kam ihm die Erkenntnis, daß er genug leiste, wenn er nur entscheide, gleichviel wie, wenn er nur befehle, gleichviel was Herr von Xanxres, »der Hering, der magere, mit der Großvaternase im Knabengesicht«, Hamlets ständiger Begleiter und einziger Freund, fällt in der Schlacht. - Bei dem zu Ehren des heimkehrenden Siegers stattfindenden Festbankett rächt Hamlet den Mord an seinem Vater auf seine Weise: Indem er den verhaßten Stiefvater zum pausenlosen Mithalten zwingt, frißt und säuft er ihn zu Tode (Der Sieger Hamlet). - Der Mordplan, den die haßbebende Mutter gegen den nunmehrigen König Hamlet schmiedet, scheitert an dessen Sohn: Er weigert sich, seinen Vater umzubringen. Auch der jetzige Prinz Hamlet wird an einer Frau schuldig: Greta, seine Geliebte, nimmt sich aus ähnlichen Motiven das Leben wie seinerzeit seine Mutter Ophelia (Salat gegen die Hitze). - Das Erscheinen der Hofdame Klara, der ehemaligen Verlobten seines gefallenen Freundes Xanxres, verschärft Hamlets Pessimismus gegenüber dem Leben. Klara ist in Begleitung eines neuen Bräutigams und bringt Hamlet damit die Hinfälligkeit aller Liebe und aller Leidenschaft, ja des Daseins überhaupt zum Bewußtsein. Resigniert verzichtet er darauf, stellvertretend für seinen Vater an Polonius und der Königinmutter Rache zu nehmen (Punsch gegen die Kälte). - Beide Hamlets, Vater und Sohn, »streunende Katzen, die sie waren, streifend unermüdlich durch Zeit und Kälte«, scheitern zuletzt am Leben. Hamlet überträgt die Regierung dem Polonius und der alten, aber immer noch vitalen Königinmutter und zieht sich mit seinem Sohn in ein Kloster zurück, hinter »eine lange, weiße Mauer, eine feste, beständige Steinmauer, rund herum, voll Sicherheit und Stärke rundherum« (Hinter der weißen Mauer). Trotz der weitgehenden Geschlossenheit der einzelnen Episoden - die erste, Das Landhaus, entstand schon 1925 als eigenständige Kurzgeschichte - bildet das Romanganze ein beklemmend engmaschiges Wirklichkeitsgeflecht. Die streng durchgehaltene Distanzhaltung des Erzählers und der angestrengte Berichtsstil mit seinen endlosen parataktischen Reihungen geben dem Roman seine zugleich faszinierende und bedrohliche Kälte. Das Gefühl der Bedrohung wird durch die typisch spätexpressionistische Wirklichkeitswiedergabe noch verstärkt; die Dinge und die äußerst farbenreichen Landschaften erscheinen dynamisiert, werden zum Ausdruck der Instabilität, Unzuverlässigkeit und heimlichen Magie alles Realen. Sie gewinnen ein ans Dämonische grenzendes Eigenleben, das sie für die Menschen zum feindlich drohenden Gegenüber macht: »Dann hatte das Zimmer eine Stimme und summte hell und gleichmäßig hoch wie ein großes, gelbes, schwarzgepunktetes Insekt. Das Zimmer, das Zimmerinsekt, die zimmerige Fliege hatte keine Flügel . . . Und bebend und brausend flog die gelbe Riesenfliege in den goldströmenden Abendhimmel hinaus Die Elementarkraft der ans Animalische grenzenden Vitalität, bedrängend gegenwärtig in der ungebrochenen Lebensfreude der Frauen, vor allem der Königin, macht den beiden Hamlets ihre Entfremdung vom Leben nur noch deutlicher bewußt. (»Sie lachte und dachte: Ich lebe, ich lebe) Konsequenter Ausdruck dieser Erfahrung ist ihre Flucht in die sterile Geborgenheit eines Klosters, »in dem viele kleine wohlgewachsene Zellen sich befinden, und jeder weiß, daß eine für ihn da ist, und in der Zelle für ihn ein Bett und im Bett keine Frau, weit und breit und nirgends eine Frau

Klaus Uhde


© Systhema Verlag GmbH 1999,
Buchausgabe: Kindler Verlag GmbH
Vervielfältigung nur mit Genehmigung des Kindler Verlag GmbH


DER ZWEIKAMPF
Zu Georg Brittings Gedichten
von Karl August Horst.

Erschienen 1957 im „Merkur“ (Zeitschrift für europäisches Denken, DVA)
Zu den ersten beiden Bänden der sechsbändigen
Gesamtausgabe der Nymphenburger Verlagshandlung, München 1957 - 1961

Originalität, Unverwechselbarkeit, Besonderheit sind Kennzeichen moderner Lyrik, deren frühesten Beginn man bis in die Romantik zurückdatieren mag. Selten jedoch findet sich als Kennzeichen Eindeutigkeit, die – so paradox dies zunächst klingen mag – nur errungen wird, sofern der Dichter den im tiefsten zweideutigen Charakter unseres Daseins bestehen läßt. Denn eindeutig kann weder ein Gedicht sein, das sich monadisch, monologisch oder monoman in sich selber verkapselt, noch ein Gedicht, das sich auf die Außenwelt stürzt, aber der zur Einheit versammelnden Bedeutung ermangelt. Erst wenn das gesamte Werk eines lyrischen Dichters überschaubar vorliegt, wird man ihm wie im Falle Georg Brittings Eindeutigkeit nachrühmen können. Gemeint ist nicht der Kosmos des einzelnen Gedichts, dessen besondere Struktur den Schluß nahelegt, es genüge vollkommen sich selber, bedürfe keines von außen angesetzten Schlüssels, um das zu sein, was es ist – eine Auffassung, der nicht geradezu widersprochen werden soll, solange man sich ihres hypothetischen Charakters bewußt bleibt –, sondern Eindeutigkeit bezieht sich hier auf die Sprache, die der Dichter auf Grund eines subtilenAuswahlverfahrens von Gedicht zu Gedicht herausbildet und die, um nicht Literatur zu bleiben, sich an einem Sprachgegenstand immer von neuem bestätigen muß.
   Die alte Streitfrage – ob klassisch oder romantisch? – verliert wie schon bei Mörike angesichts der Lyrik von Britting ihren Sinn, nicht nur weil er volkstümliche und künstliche Formen (wie Ode und Sonett) nebeneinander her verwendet, weil er mit freien Rhythmen und Reimen so sicher umgeht wie mit abgewogenen Silben. sondern auch weil seine mythische Phantasie die fest umrissene Gestalt nicht verschmäht, weil Element und Gebild, Andrang und Ordnung in seiner Dichtung gleichberechtigt zu Hause sind.
   In der Gesamtausgabe (Nymphenburger Verlagshandlung, 1957) umfaßt der erste Band die Gedichte von 1919 bis 1939, der zweite die Gedichte von 1940 bis 1951. Der Leser gewinnt den Eindruck, als bilde sich in dieser Zweiteilung im großen die Dualität ab, die Brittings Werk zu eindeutigem Charakter verhilft. Was sich in der ersten Epoche lapidar aufdrängt, wirkt in der zweiten mittelbar durch Fügung. Was sich dort als Sprache gibt, wandelt sich hier in Form. Werden Sprache und Form als die beiden Pole Brittingscher Lyrik angenommen, so muß das Prinzip wechselseitiger Steigerung, nicht der harmonische Ausgleich, als bestimmend für ihr Verhältnis angesehen werden. Sprache ist in der ersten Periode so im Höchstmaß Sprache, daß sie nicht nur als weltschaffende, sondern auch als formschaffende Kraft auftritt. Weltschaffend, da sie nicht vom Sein der Dinge ausgeht, sondern in gedrängter Bewegung zu ihm hinstrebt; formschaffend, da sie keine andere Form anerkennt als jene, die das Sprachding selber aus sich hervortreibt.
   Die Vorliebe Brittings für zusammengesetzte Worte – wie „Hummeltier", „Spinnenvieh", „Tausendfüßlertier", aber auch „Schlüsselblumenland", „Käferland", „Bodenruh" usw.– gibt uns das Recht, von einem Sprachding zu reden und nicht nur von Sprache oder Wort. Denn genauso wie der Gattungsname dem Wortbegriff sozusagen ein Fußklötzchen unterschiebt und es damit von der eindimensionalen Fläche löst und in den plastischen Raum versetzt, genauso ist das Wort bei Britting kraft seiner mitverstandenen Dinghaftigkeit nie bloß umreißender Kontur, sondern hervorspringendes Relief. Ausgesprochen könnte seine dichterische Maxime lauten: kein Wort ohne seinen Schatten !
   Das hängt mit der Kunst des Barock ebenso zusammen wie mit expressionistischer Sprachgebärde, die Barockes wieder aufnimmt, es hängt mit Bayern und der Dramatik seiner Passionstheater und Bauernbühnen, seiner perspektivischen Fassadenmalerei und dem perspektivischen Zauber seiner Beleuchtungen an Föhntagen zusammen, wenn hinter Wolkenvorhängen das Gebirge die Szene betritt oder ein frühlingsgrünes Buchengehölz sich in einen Winterwald umschminkt.
   Das Sprachding wirft nicht deshalb einen Schatten, weil es Körper ist, sondern umgekehrt: der Schatten ist sein „status nascendi", von dem es sich abstößt, um den Aufschwung zu nehmen ins Sein. Der Schatten ist die Nacht vor der Offenbarung. Ob mythische Nacht, Element, Rausch oder Tod. immer ist sie der nach vorne abschließende Vorhang, hinter dem sich die Dinge dem Auge bergen und der aufreißend ihr Sein enthüllt.
   Das Licht ist irgendwo hinter der Szene. Oft ist die Nacht eine zähe, dicke, schwere Falten werfende Hülle. Der „Unverständige Hirt" sitzt schmausend am Feuer. Die anderen Hirten verlassen ihre Feuer und machen sich auf zum Stall von Bethlehem. Er bleibt als einziger zurück. Und um nicht allein zu bleiben, geht er ihnen nach, unterwegs an den letzten Brocken kauend. Er sieht den Stern über dem Stall, hört die Engel singen, dick steht er da und schwenkt traurig seinen Hut, nicht wie die anderen wissend und durchdrungen. Der „Unverständige Hirt" und „Der dicke Mann, der Hamlet hieß", der einsame Trinker in den Gedichten auf den Wein, der heimschwankende Riese und der Mann im Angesicht des Todes sind eindeutig kraft der Zweideutigkeit ihrer Lage. In der Schwermut ihres Zugroßgeratenseins haben sie Zärtlichkeit und Sinn für das Kleine: den gepanzerten Käfer im Gras, das aus dem Nest gefallene Vogeljunge. Von ihm heißt es:

   Sie sind etwas
   Verängstigt, klappen die Augen
   aus Glas,
   Und wie drollige Drachenklauen
   Sind ihre winzigen, grauen
   Krallen.

Die Kunst, Kleines schrumpfen zu lassen, indem man es an Großem mißt, verrät sich in dem Wort „Drachenklauen". Aber noch mehr steckt dahinter. Auch hier wirft das Wort einen Schatten. Urwelthaftes hängt der frühesten Daseinsstufe in drolliger Verkleinerung an. Was inwendig geborgen ist, spreizt, wenn es ausgesetzt wird, exorzistisch die Krallen, Drachenklauen haben die Chimären an den Domen; und daher rührt die Schwermut des Riesen. Wir denken an jene Verszeilen von Claudel in der „Annonciation", die der Dombaumeister Pierre de Craon an das Mädchen Violaine richtet und in denen es heißt, daß ihr durch die Gnade vergönnt sei, in einem einzigen Zug wie ein Blitz gen Himmel zu fahren, während ihm aufgegeben sei, mit kleinen Schritten die Last des Doms und seine tiefen Fundamente emporzuwuchten. Britting ist weniger anspruchsvoll. Aber die „Drachenklauen" lassen ein vorzeitig Schattenhaftes nach außen treten und siegeln eindeutig geprägt ein Stück Dunkel ab.
   Nicht das Licht gibt Umriß: der Schatten„Voll Unmut, wie ein Waldkauz blinzelnd / Äug ich von meinem Schattennest" beginnt das Gedicht: „Überdruß des Südens". Raben auf Schnee müßten „weiß vor Scham" werden, wenn sie nicht schlau genug wären, sich vor der ungeheuren alles verschlingenden Gleichförmigkeit der weißen Fläche ins Dorf zu retten. Diese Schwarz?Weiß?Philosophie beherrscht auch die Sonette auf den Tod mit der Überschrift: „Die Begegnung".
   Aber was in dem Rabengedicht die Sprache oder das Sprachding zu leisten hatten, das wird hier an die Form abgegeben. Das Sonett ist in seiner Form dialektisch. Es baut sich in den Vierzeilern, mit denen es anhebt, analytisch aus Propositionen auf, die in den Schlußterzinen synthetisch verschränkt werden. Allein aus dem Sonett hätte Friedrich Schlegel seine Unterscheidung zwischen analytischer und synthetischer Kunstform ableiten können.
   Für das Sonett Brittings ist bezeichnend, daß es oft bis hart an die Grenze des Dramatischen vorstößt. Rede und Gegenrede wechseln, Licht und Schatten vertauschen die Stelle. Ist der Tod der lichtverhüllende Schatten, oder ist er das schattenwerfende Licht ? Muß er wie der Rabe „vor Scham weiß werden", wenn das Jenseits zum Diesseits wird, oder offenbart er sich erst dann in seiner Schönheit eines ewigen Jünglings?
   Solche Fragen entschleiern die Zweideutigkeit einer Welt, in der wir leben und in der wir sterben. Das Leben in Brittings Gedichten ist Strom, dahintreibend über unsicherem Grund. Die Ufer sind flüchtig, Licht und Schatten ewig im Streit. Manchmal ertastet der Anker Stille im Augenblick, im einsamen Zwiegespräch beim Wein, in der Erinnerung an dahingegangene Freunde, im vieltönig brausenden Orgelspiel. Aber auch die Harmonie wird nur in der Spannung zwischen dem eingeschränkten Hier und dem stets gegenwärtigen Allzugleich erlebt. Der Jäger ist die Beute dessen, den er jagt. Achill ist die Beute der Amazone, die Sonnenblume ist Spiegel des hellsten Gestirns, aber zugleich rückstrahlende Abwehr.

   Was hat, Achill,
   Dein Herz?
   Was auch sein Schlag bedeute:
   Heb auf den Schild von Erz !

Diese knappen Verspaare enthalten in dramatischer Stichomythie die Dualität von Getroffensein und Abwehr. Der Medusenschild ist Spiegel, der im tiefsten getroffen werden muß, wenn er rückstrahlend bannen soll.
   So rührt die Eindeutigkeit der Lyrik Brittings vom Erlebnis der Zweideutigkeit her, von dem intimen Agon zwischen Gebanntsein und Bann, zwischen Ding und Sprache, zwischen Sprache und Form, zwischen Schatten und Licht, zwischen Leben und Tod, der unser Dasein ausmacht. Was er als Beute in seine Gedichte einbringt, ist unverwechselbar von seiner Waffe – der Sprache – gezeichnet, und ist doch wirklich und handgreiflich genug, daß es in seiner eigenwilligen Dinghaftigkeit aus dem Gedicht hervorspringt und nicht als ausgestopftes Präparat die Strophenfächer füllt.
   Die Eindeutigkeit Brittings steht im Zeichen der Errungenschaft. Errungen wird das Gedicht mit dem Wurfgeschoß des treffenden Wortes oder mit dem klüglich gespannten Netz der Form. Aber immer wird es auf freier Wildbahn erjagt. Weder das abgestumpfte und glanzlose Wort der Literatursprache noch das erstarrte Netz konventioneller Form taugen zu solcher Jagd. Beide müssen blank und geschmeidig sein, wenn sie – ins Freie geschleudert –das Unbewältigte treffen und fangen sollen.
   Eindeutig ist weder der „circulus vitiosus", den das lyrische Subjekt um seine imaginäre Mitte schlägt, noch jener archimedische Punkt außerhalb, der es durch Aufhebung seiner selbst zu engagieren verspricht – sondern eindeutig ist allein unser im tiefsten zweideutiges Dasein, das uns ständig zu Antworten herausfordert, ist die begegnende Welt, die uns im Herzen treffen muß, sollen wir sie treffen. In diesem Zweikampf hat Britting poetisch gesiegt. 


Jäger und Verwandler


Zu Georg Brittingssiebzigsem Geburtstag – von  Karl August Horst

Am 17. Februar 1891 wurde Georg Britting auf einer Donauinsel zu Regensburg geboren. Wer mit dem Werk des heute Siebzigjährigen vertraut ist, wer in seinen Gedichten empfunden hat, wie rätselhaft nahe in ihrer Fremdheit uns die Welt ist, in der Rabe. Fuchs und Hahn umgehen, wer in seinen Erzählungen gespürt hat, wie trügerisch die Fläche über dem Abgrund ist, wer mit dem Prinzen Hamlet den Sonnenblumen eine Schlacht geliefert hat, wer Ehre und Schrecken des Kriegs, Lust und Schwermut des Weins, Liebreiz und Tücke der Frauen mit ihm durchgekostet hat, dem wird es nicht leichtfallen, zwischen der Lebensgeschichte und ihrer dichterischenPalingenesie einen säuberlichen Scheidestrich zu ziehen. Britting ist durch das Feuer des ersten Weltkriegs gegangen – aber vermöge seiner geheimnisvollen Gabe – Gabe des Jägers und des Verwandlers – fing sich die schattenhafte Flut des Erlebten am Angelhaken des bestimmten Artikels: der Krieg war es, den er in seinem Roman ,Lebenslauf eines dicken Mannes, der Hamlet hieß" mit der Beschwerlichkeit des Weisen schilderte, so wie er in seinen frühen Erzählungen Kain und DonQuichote und Hiob reit der kraftvollen Gebärde des dramatischen Schöpfers buchstäblich aus dem Boden gestampft hat.
   Ich wüßte kein Werk, das eigenwilliger und kraft seines Eigenwillens unverwechselbarer ist als das Werk Brittings. So innig ist hier der Austausch zwischen Beobachtung und Ausdruck, zwischen Auffassung und Bild, zwischen Eindruck und Erwiderung, aber so menschlich edel zugleich die Andacht vor dem Schleier, in den jedes Geschöpf – ob Pflanze oder Tier oder Mensch – eingehüllt ist, die Kraft so mit Zartheit gepaart, daß wir uns als Leser wie der Chor in der griechischen Tragödie aufgefordert fühlen teilzunehmen.
   An keiner Stelle seines Werks erliegt Britting der romantischen Versuchung (der Kardinalversuchung des Lyrikers), in die Geschöpfe seiner Phantasie einzuschlüpfen und sich wortreich in ihnen zu bespiegeln. Auch wenn er in seinen Gedichten die ominösen Wegbegleiter des Menschen, dessen Sinne die Stadt noch nicht abgestumpft hat, beschwört – Rabe und Fuchs, Hahn und Fisch –, achtet er doch stets ihren Bereich und apostrophiert sie gelegentlich mit einem homerischen Epitheton, das anzeigt, wie rätselhaft in ihrer anscheinenden Begreiflichkeit sie sind und wie nahe verwandt unserer eigenen Unbegreiflichkeit.
   Es wäre ein müßiges Unterfangen, wollten wir Brittings Werk klassifizieren.– Mit gutem Recht ließen sich seine frühen Erzählungen, ja noch der Roman "Hamlet" (der als sechster Band der Gesamtausgabe zum Geburtstag des Dichters in neuer Auflage erschienen ist – die erste Ausgabe stammt aus dem Jahr 1932) als eigenwüchsiger Expressionismus ansprechen. Jedoch mit ebenso gutem Recht könnten wir den Stil Brittings mit den Meistern des bayerischen Barock und mit der dynamischen Ausdrucksgewalt des bajuwarischen Volksschlags in Zusammenhang bringen. Eines jedenfalls läßt sich behaupten: daß kaum irgendwo das Bestreben der Expressionisten, zwischen Eingebung und Verkörperung den kürzesten Weg zu beschreiten, so sehr die Chance künstlerischer Dauerhaftigkeit hatte wie hier, wo der Dichter nur seine Drachenzähne in den heimatlichen Boden zu senken brauchte, um. unverwechselbare Gestalten aus unerschlossener Fülle zu beschwören und sie mit dem Wort zu bewältigen.

 Karl August Horst


Hamlet und die Sonnenblume

Georg Britting: „Lebenslauf eines dicken Mannes, der Hamlet hieß." Roman. Gesamtausgabe in Einzelbänden, Bd. VI. (Nymphenburger Verlagshandlung, München, 1961. 249 S., 22.- DM.)

Mit einem eigenen Gefühl der Genugtuung überblickt der Bücherliebhaber die Gesamtausgabe der Werke von Georg Britting, die jetzt mit dem sechsten Band geschlossen vor ihm steht. Zwei Bände Gedichte, drei Bände Erzählungen, im letzten der Roman. Wir sagen der Roman, weil wir uns nicht vorstellen können, wie Britting je einen anderen hätte schreiben sollen. Nicht daß es ihm an Erfindungsgabe gemangelt hätte, aber er hat hier den Roman in jenem einmaligen und tiefen Punkt erfaßt, wo er sich als verzichtende Gattung darstellt. „Lebenslauf eines dicken Mannes, der Hamlet hieß" ist um den Preis ein Roman, als er auf das Drama verzichtet, das er in seinem Titel ankündigt und vor dem er resigniert. „Morgen würde wieder die Sonne, die große feurige Sonnenblume, die niemand mähen kann, ihr Löwenhaupt brüllend über das Zermorschte neigen", heißt es am Schluß des Ersten Kapitels. Die literarische Gattung Roman ist aus dem Verzicht auf den Vers hervorgegangen. Die Spur dieses Sündenfalls haftet ihr bis heute an, und nicht selten verzichtet der Dichter im Roman auf eine höhere Form der Aussage. die ihn reiner, eigentlicher, aber in ihrer Fülle nicht mehr erreichbar dünkt. Brittings Hamlet, der dicke, ungefüge, verschlossene Mann, träfe, wenn er die Tapisserie mit seinem Degen durchbohrte, weder – wie Shakespeares Hamlet eine Ratte noch den Horcher Polonius, weil es für ihn nichts mehr gibt. was sich hinter dem arabeskengeschmückten Schein der Welt versteckt, weil nichts mehr sich der Einzelforderung stellt und dadurch – wenn auch nur zum Schein – das Drama ermöglicht. Hamlets Ausruf „eine Ratte, eine Ratte" leitet den Kehraus des Dramas ein. Von jetzt an gibt es nur noch Metamorphosen: Wolken, die bald wie ein Kamel, bald wie ein „Nashorn" (Ionesco) aussehen. Britting fordert in seinem Roman das Drama heraus; jedoch es gibt keinen definierbaren Schauplatz mehr, auf dem es sich einstellt, denn es ist in Einzelfiguren nicht mehr zitierbar; es tritt – Herausforderung der Welt – zwar an jedem Punkt antagonistisch in Erscheinung, aber es beharrt auf diesem Punkt, hat keinen Fortgang und kann darum nicht ausgetragen werden. Dem dicken Mann Hamlet widerfährt all das, woran sich früher das Drama entzündete: Liebe, Krieg, Widerstreit zwischen Geist und Fleisch. Aber das Drama hält sich in der Tiefe verborgen, es kann nicht bis zum Wort aufsteigen. Es vereinzelt sich nicht in Spieler und Gegenspieler, sondern entschwindet wie die davonhuschende Schlange am Grund des Gewässers. Und ebenso ist es mit der umgekehrten Tiefe des Himmels: die feurige Sonnenblume kann niemand mähen. Brittings Dichtung steht im Zeichen des fernhintreffenden Apollon. Das In–die–Ferne–Treffen ist bei ihm Ausdruck unmittelbaren Betroffenseins. In seinem Roman lenkt er den dramatischen Zusammenstoß ins Unendliche ab. Jede Perspektive dünkt ihn im gleichen Sinne gültig. Sie vervielfältigt den dramatischen Schauplatz bis ins Unendliche. Ein Wald von Sonnenblumen, der gefällt wird, ist metaphorische Darstellung derGigantomachie, von der nur der Obergott, die glühende Sonnenblume am Himmel, verschont bleibt. Die Vervielfältigung des Dramas durch die unendliche Vervielfältigung der Perspektive ergreift auch den intimen Bereich der Person. Der Roman ist der „Lebenslauf eines dicken Mannes°, der von seinem Namen durch einen Relativsatz getrennt ist („der Hamlet hieß"). Er ist nicht identisch mit seinem Namen, denn nur das Drama basiert auf der Einheit von Name und Person; aber in jeder Episode schlägt sich ein Tropfen des Hamlet–Schicksals nieder, so wie die geballte Wetterwolke sich der Erde nicht unmittelbar mitteilt, sondern mit der unendlichen Zahl fernhin treffender Tropfen.
   Der „Hamlet" von Britting hat einen Vorläufer: nämlich den „Regenwettermann" Mogens von Jens Peter Jacobsen. Der Roman, der im Jahr 1930 erschien, ist – negativ ausgedrückt der Verzicht auf das expressionistische Drama, das sich nur in hybrider Gestalt – etwa in Bertolt Brechts „Baal" – auf der Bühne zu zeigen vermochte. Hier war eine äußerste Grenze erreicht, die nur noch zwei Möglichkeiten offenließ –. entweder den Antagonismus aufs neue zu definieren und in das Drama eine Dogmatik einzubauen, die dem Helden wieder zu einem eindeutigen Gegenspieler verhalf: diesen ideologisch–dialektischen Weg hat Brecht eingeschlagen. Oder aber den Antagonismus in seiner Tiefe zu bejahen und ihn, von dem dramatischen Funken getroffen, in die Mittelbarkeit des Erzählerischen zu verlegen, nicht mehr als verkörperter Hamlet in Ophelia, Laertes, der Mutter oder in einer Ratte den Gegenspieler herauszufordern, sondern wie Cervantes den Widerspruch zwischen dem dramatischen Ort, den Don Quijote mit sich führt, und der dramatisch unverbindlichen Wirklichkeit der Erscheinungen, die er in Windmühlen und Weinschläuchen eigenmächtig zitiert, weder aufzulösen noch zu dogmatisieren, sondern aus der Fülle schöpferischer Anschauung zu vervielfältigen.
   Die Gedichte Brittings scheinen nicht selten einen Anlauf zum Drama zu nehmen. In den Erzählungen erhebt der dramatische Chorführer seine Stimme, betroffen von der Unmittelbarkeit des Vorgangs, jedoch Abstand nehmend, apostrophierend, auf die Ferne bedacht, die Voraussetzung der erzählten Geschichte ist. In seinem Roman sind wir dem Drama am nächsten. Hier schüttet die geballte Wolke ihre Fülle aus, und in jedem Tropfen. in jeder Episode spiegelt sich entsagend die ursprüngliche, dichterisch nicht mehr zu bewältigende Einheit.

                                      Karl August Horst



 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Vortrag von Albert von Schirnding
»Bayerische Akademie der Schönen Künste«
9.Dezember 1998

Ich falle sozusagen mit der Tür ins Brittinghaus und beginne mit einem der berühmtesten Gedichte des großen.Lyrikers, dem im Juli/Augustheft 1942 der Zeitschrift  'Das Innere Reich' zum ersten Mal veröffentlichten ´Jägerglück´. Es wird nicht lange vorher entstanden sein. Aber wo steht das Haus, in dem es geschrieben wurde? Nicht am Sankt Anna Platz hier ganz in der Nähe, wo Britting von 1951 bis zu seinem Tode 1964 wohnte  - ´Sankt Anna Platz 10´ ist der Titel eines wunderbar lebendig erzählten Erinnerungsbuchs seiner Witwe Ingeborg Schuldt-Britting, das im nächsten Frühjahr erscheinen wird. Natürlich auch nicht in Regensburg mit seinen beiden Brittinghäusern  - dem Geburtshaus in der Alten Manggasse und dem gotischen Haus in der zur Donau führenden Engelburgergasse, wo Britting bis zu seiner Übersiedlung nach München 1921 lebte. 'Jägerglück' könnte in dem zwischen 1935 und 1951 von Britting bewohnten Treppenzimmer in der Bogenhausener Holbeinstraße entstanden sein, vielleicht aber auch in Bürgstatt bei Miltenberg – dort verbrachte der Dichter in den frühen vierziger Jahren als Gast eines befreundeten Ehepaars jeweils mehrere Sommerwochen.
   'Jägerglück' ist im antiken sogenannten alkäischen Versmaß verfaßt. Sie alle kennen die a1käische Strophe in Gestalt von Hölderlins Parzengedicht. Dessen letzte Strophe hat sich Britting als Muster neben das Metrum notiert  - auf dem "Versmaßblatt". das er in seiner Brieftasche mit sich herumtrug.

      "Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!
Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel
      Mich nicht hinabgeleitet; einmal
      Lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht."

Dieses Blatt muß Anfang der vierziger Jahre angefertigt worden sein und bezeichnet den Zeitpunkt, zu dem, wie Britting an seinen Brieffreund Georg Jung schreibt, "mir die metrische Unschuld geraubt ward“. Damals war der Dichter immerhin fast fünfzig Jahre alt.

           [vorgetragen wird das Gedicht]  JÄGERGLÜCK

Es ist 1ängst bemerkt worden, daß in diesem Gedicht (wie auch in andern Versen Brittings, die griechische Formen und Motive aufweisen) antikes und modernes Lebensgefühl in spezifisch süddeutscher Färbung eine bisher unerhörte einzigartige Verbindung eingegangen sind - was Brittings Lyrik von vornherein dem Etikett des Klassizismus entzieht. In einer 1949 erschienenen Würdigung unseres Gedichts spricht Rudolf Bach von einer „zwiefachen Metamorphose“: Die Antike wird einerseits sozusagen geerdet, das Bayerische (man denke an die "Gumpenforelle") auf eine klassische Stilebene gehoben. Das grüne Kleefeld liegt in uns allen vertrauter Gegend, aber "Und wills die Stunde" ist ganz antik empfunden; es ist eine Übersetzung dessen, was die Griechen mit dem Wort kairós meinten Britting war eben vom Heimatdichter genauso weit entfernt wie vom Klassizisten - die Entfernung beträgt exakt die Strecke, die den Tegernsee von Paestum trennt.

   [vorgetragen wird das Gedicht]  BEI DEN TEMPELN VON PAESTUM,

Um zum 'Jägerglück' zurückzukehren:
Mir kommt es bei diesem Gedicht noch auf etwas anderes an als auf die “zwiefache Metamorphose“, von der Rudolf Bach spricht. Hans Egon Holthusen, der Britting von diesem Pult aus wiederholt gewürdigt hat, zuletzt noch 1991 anläßlich des hundertsten Geburtags, glaubte dem 'Jägerglück'  "die stoische Idee der Heimarmene“ ablesen zu können.
   Da hat er meiner Meinung nach falsch gelesen . "Heimarmene" ist das unbedingt zwingende Schicksal, dem Begriff eignet etwas Drückendes und Finsteres, er könnte als "undurchsichtiges. blindes Verhängnis" wiedergegeben werden. Die stoische Haltung der Schicksalshinnahme entspricht aber weder der Stimmung des Britting-Gedichts noch seiner am Schluß formulierten imperativischen Einsicht:

      "Drum preise laut den Schuß nicht, Schütze!
Schultre den Bogen und troll dich schweigend!“

   Ein anderer griechischer Begriff bietet sich an: Tyche. Der Unterschied zur Heimarmene entspricht etwa dem zwischen den lateinischen Begriffen fortuna und fatum. Der Tyche fehlt ganz das Dumpfe Zwanghafte der Heimarmene. Sie, die wie Fortuna, auch als Göttin in Erscheinung tritt, verkörpert das Weltgesetz des Ausgleichs: Das Glück des einen ist das Unglück des anderen (die Unglücklichen sind im Gedicht das Kleeblatt, das gepflückt, das Reh, das erschossen, die Gumpenforelle, die aus dem Bach geschnellt wird), aber wie Jägerglück nicht durch Willenskraft erzwungen werden kann, so kann es auch jederzeit in sein Gegenteil umschlagen. Der älteste griechische Lyriker Archilochos spricht vom Rhythmus des menschlichen Daseins: Der Sieger soll nicht in Jubel ausbrechen, der Besiegte nicht zu laut jammern. Beide sollen den Rhytmus erkennen, das Auf und Ab des Wogengangs, dem alles, was lebt, unterworfen ist.
   Britting kannte dieses Gedicht des Archilochos natürlich und er wußte wohl auch etwas von Schopenhauers Mitleidsethik: "Der Quäler und der Gequälte sind Eines" Hier, in dem Gedicht 'Jägerglück' ist jedenfalls mehr von Schopenhauers  "Alle Liebe ist Mitleid" zu spüren als von Nietzsches Willen zur Macht. Zwar gilt in der Natur das Recht  des Stärkeren, der Raubfisch frißt den kleineren Fisch, aber er wird seinerseits die Beute des Reihers sein, auf den wiederum der Jäger lauert. Und auch dieser ist sterblich:
   "Üppiger Tod, du lächelst / über die Jäger."

      [vorgetragen wird das Gedicht] DIE JÄGER

   Über die Jäger.

  Der Sieger hat also gerade nicht das letzte Wort. Er soll sich schweigend trollen, um nicht den Neid der Götter zu erregen.
   Diese Weltsicht trifft bis zu einem gewissen Grad auch schon auf den frühen Britting zu. Das Vitalistische, oft als "barock" Rubrizierte, gelegentlich Grausame seiner Prosa des Hamlet-Romans, der Erzählungen bildet nur die Außenseite des spät- und nachexpressionistischen Autors. Gewiß, der Erzähler tritt hinter die schicksalhaften Geschehensabläufe zurück. Aber diese scheinbare Teilnahmslosigkeit gleicht jenem "Schild aus Erz", den Achill in Brittings berühmtem Gedicht ´Was hat, Achill...´ vor den Schlag sein Herzens hält - eine Form der Zurück–Haltung die als Gebärde der Komplizenschaft mit einem inhumanen Naturgesetz allenfalls missverstanden werden kann. "Brittings Dichten", schreibt Walter Höllerer 1952 "ist ein Sich-Messen mit den Dingen, kein Hinnehmen."
In seiner meisterhaften Britting Monographie, die noch zu Lebzeiten des Dichters erschien, grenzt Dietrich Bode das vielberufene "magische Lebensgefühl", das aus den Gedichten und Geschichten spricht, überzeugend von der epochentypischen Regression ins Irrationale, dumpf Archaische ab: Gegen die Kraft der Dinge werde das Wort als menschlich-geistige Kraft aufgeboten, Brittings Formanspruch und Sprachmagie übten Gegenzauber gegen die Magie des Realen, in ihnen äußere sich der geistige Behauptungswille, hier sei das scheinbar verschwundene Ich zu suchen.
   Hinter solche Beobachtungen fällt, scheint mir, das Britting-Porträt, das Hermann Kurzke vor einem Jahr in der FAZ anläßlich des Abschlusses der fünfbändigen Werkausgabe zeichnete, teilweise wieder in die alten Klischees zurück. Da ist Britting ein „opaker“, "mit seinem Fatalismus unerreichbar" gepanzerter Koloß, der "achselzuckend" der Macht zustimmt, "wie sie nun einmal war". "Das Werk“, heißt es, "ist Dunkelschöpfung, aus dem Unbewußten inspiriert". - Inspiration war sicher im Spiel, von Dunkelschöpfung kann keine Rede sein. Dagegen spricht schon das Prozeßhafte von Brittings Arbeitsweise, hinter der ein sehr bewußter Gestaltungswille steckt.
   Die eigenen Anfänge gerieten in den Schatten eines auf Perfektion pochenden Künstlertums. Britting kultivierte das Bild des Spätlings und verleugnete seine frühen literarischen Versuche. Mehrere Theaterstücke fielen gar einem Autodafé zum Opfer. Sie waren zum großen Teil noch in Regensburg entstanden, wo Britting, nachdem er 1919 aus Krieg und Lazarett heimgekehrt war, zusammen mit dem Malerfreund Josef Achmann die expressionistische Zeitschrift ´Die Sichel´ herausgab. Seit den zwanziger Jahren führte Britting in München die Existenz eines freien Schriftstellers, ohne an irgendwelche literarischen oder politischen Tonangeber die geringsten Zugeständnisse zu machen. "Georg Britting gehört", schrieb Walter Höllerer, "zu  den wenigen Dichtern, die von den zwanziger Jahren über die dreißiger Jahre hin bis in unsere Zeit nach der Niederlage sich, äußeren Bedingungen zuliebe, niemals änderten [...] ist kein Wunder, daß Britting gerade von unserer jungen Generation verehrt wird. Er hat dieser Generation nichts abzubitten, sie jemals, und sei es auch nur durch 'Nebensätze', ins Wirre verwiesen zu haben."
Der Dichter, wie Britting ihn verstand, darf niemandem dienen. Ebenso wenig vertrug sich mit Brittings Selbstverständnis die gerade in München naheliegende Pose von Feierlichkeit (man denke an Geibel, Heyse, George).Gegen Schwabing hegte Britting eine unverhohlene Antipathie. Seine Auffassung vom  Dichter hatte viel eher etwas Mönchisch- Strenges. Als ich, achtzehnjährig, zum erstenmal in sein Arbeitszimmer am Sankt-Anna-Platz kam, ernüchterte mich die Kahlheit und Unpersönlichkeit der Einrichtung. Ich hatte mir eine Poetenklause so anders vorgestellt.
   Wo war die vielgerühmte Farbigkeit, Sinnlichkeit, der „barocke“ Überschwang seiner Kunst geblieben, jenes Blitzende, Glühende, Magische von Britting Naturbeschwörung, das „stumme, dingliche Glück", der durch keine Hinter- oder Überwelt getrübte Glanz seines ´Irdischen Tags´? War er nicht der Sänger des großen Stroms, an dem seine (und meine!) Heimatstadt liegt? Floß nicht die Donau breit und schnaubend und lichtdurchwogt, ein silberner Vorzeit-Fisch, durch sein Werk? Und hatte er nicht ein ausschließlich dem „Lob des Weins“ gewidmetes Gedichtbuch veröffentlicht, in dem es „fruchtdumpfig“ roch nach Dauben und Fässern und der Rausch sich als riesenhafter Purpurbruder über den träumenden Trinker neigte?
   Einen unmittelbaren Widerschein von all dem suchte ich in seinem Umkreis vergeblich. Ich hatte wieder einmal Literatur und Leben in allzu engen Zusammenhang gebracht.

 [vorgetragen wird die Erzählung] Der nackte Shakespeare




Bayerischer Rundfunk
Sendung Bayern 2 Radio vom 9.Dezember 2000

Gabriele Förg zu aktueller Belletristik aus Bayern.

Nur ein bayerischer „Klassiker" ist diesmal zu verzeichnen.
Ein schöner, schmaler, aber doch gewichtiger Band versammelt hundert Gedichte Georg Brittings, ausgewählt von seiner Witwe.
Wo auch immer man das Buch aufschlägt, man ist sofort im Bann des unvergleichlichen Tons dieser Lyrik, formstreng und doch anschauungsgesättigt, von antiker Klarheit, sinnlicher Präsenz und illusionsloser Weltsicht.
Brittings Gedichte besitzen den literarischen Rang von Rilke und Benn, ohne doch im entferntesten deren Ruhm zu ernten. Zweifellos: Was er schrieb, ist bayerische Weltliteratur.